Atomstrom und Arbeitsplätze
Als Gewerkschaften noch für Kernkraft kämpften

Die Energiepreisexplosion verunsichert die Wirtschaft, die Konjunktursorgen nehmen zu. Und in der Politik wachsen die Zweifel, ob der Atomausstieg klima- und wirtschaftspolitisch noch vertretbar ist. Solche Themen haben die Arbeitnehmervertreter vor 30 Jahren noch auf die Straße getrieben. Warum das heute undenkbar ist.

BERLIN. Die deutsche Wirtschaft ist nach der Ölpreisexplosion stark verunsichert, der Konjunkturmotor stottert. Selbst der gesellschaftliche Zusammenhalt scheint in Gefahr. Wie, so lautet die große Zukunftsfrage, sieht eine neue verlässliche Energiepolitik aus, die als Grundlage für Wachstum und sichere Arbeitsplätze taugt?

Die Regierung hat sich schon für mehr Kernkraft entschieden – und nach und nach gewinnen auch die Gewerkschaften Gewissheit, dass Ökostrom und Energieeffizienz keine hinreichende Antwort auf die drohende Stromlücke sind. „Auch unter optimistischen Annahmen über mögliche Einsparungen und den Beitrag alternativer Energieträger“, so fasst es der Chef der IG Metall zusammen, „müssen wir davon ausgehen, dass die Energieversorgung (...) auch die Kernenergie wird nutzen müssen“ – um die Probleme am Arbeitsmarkt nicht weiter zu verschärfen.

Das war 1977. IG-Metall-Chef war Eugen Loderer, und er teilte die Analyse mit den führenden Gewerkschaftern der Republik. ÖTV-Chef Heinz Kluncker brachte das Meinungsbild auf die Formel: „So wenig Kernenergie wie möglich – aber so viel Kernenergie wie zur Sicherung von Vollbeschäftigung nötig.“ Nach harten Debatten über die offene Endlagerfrage und die Rolle der neuen Anti- Atomkraft-Bewegung bahnten sie damit den Weg für eine Neupositionierung ihres Dachverbands DGB.

Deutschland 2008: Die Energiepreisexplosion verunsichert die Wirtschaft, die Konjunktursorgen nehmen zu – und in der Politik wachsen die Zweifel, ob der Atomausstieg klima- und wirtschaftspolitisch noch vertretbar ist. Nur gibt es keine Spitzengewerkschafter mehr (oder noch nicht wieder?), die aus Sorge um Arbeitsplätze offen mit einer Renaissance der Kernkraft sympathisieren.

„Der größte anzunehmende Unsinn wäre es, in längeren Laufzeiten die Rettung zu sehen oder wie Lemminge anderen Nationen hinterherzulaufen“, wehrt DGB-Vorstandsmitglied Dietmar Hexel ab. „Das Endlagerproblem ist nicht gelöst, Uranbrennstoff endlich und die Terrorismusgefahr real.“ Und die Energiepreisfrage werde durch Atomstrom nicht gelöst. „Jeder Austausch einer Glühbirne durch eine Energiesparlampe bringt einem Haushalt mehr.“

Auch die IG Metall hat ihr Nein zur Kernenergie gerade erst bekräftigt. Und selbst Hubertus Schmoldt, Chef der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), lässt die Gunst der Stunde für eine beherzte Neupositionierung bisher ungenutzt, auch wenn er als der wohl atomfreundlichste Spitzengewerkschafter in den DGB-Reihen gelten kann. Das Atomausstiegsgesetz sei „beschlossen, und es gilt nach wie vor“, teilt er auf Anfrage mit und führt das Argument in bekannter Manier weiter: Zum einen werde zuweilen übersehen, dass das Gesetz bei der Restlaufzeit der einzelnen Reaktoren schon einige Flexibilität biete. Zum anderen, fügt er hinzu, „könnte die Restlaufzeit der Kernkraftwerke vom Sicherheitsnachweis der Anlagen abhängig gemacht werden“.

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