Beck auf dem SPD-Parteitag
Zwischen Bündnistreue und Parteiräson

Auf dem SPD-Parteitag wollte Kurt Beck vor allem eines: Einen neuen Zugang zur eigenen Basis finden. „Wir alle sind SPD“, lautete seine Botschaft an die Delegierten. Viel mehr als programmatische Hausmannskost hatte der neue Parteivorsitzende jedoch nicht anzubieten.

BERLIN. Eigentlich kann es nur besser werden. Seine Grundsatzrede vor drei Wochen: enttäuschend. Die Umfragewerte der SPD: mäßig. Die parteiinternen Querelen über die Steuerpolitik: ärgerlich. Und nun steigt auch noch der 1. FC Kaiserslautern ab. „Das ist das Schlimmste, was einem FCK-Fan passieren kann“, hat Kurt Beck am Samstag gesagt.

Am Tag darauf steht der rheinland-pfälzische Ministerpräsident vor 475 Delegierten im Berliner Estrel-Hotel, und seine Zuhörer warten darauf, dass der kräftige Mann mit dem Dreitagebart und der Mecki-Frisur den Wiederaufstieg der geschundenen sozialdemokratischen Partei einleitet. Widerwillig haben die Delegierten vor drei Jahren am selben Ort Schröders Agenda 2010 abgenickt. Voller Hoffnung haben sie hier wenige Monate später Franz Müntefering zum Chef gewählt. Und mit Verstörung haben sie soeben Abschied von seinem zurückgetretenen Nachfolger Matthias Platzeck genommen, der sich mit belegter Stimme für die „berührende Erfahrung“ an der SPD-Spitze bedankt.

Es muss besser werden. Das zeigt auch der Brief eines langjährigen Parteimitglieds, den Beck gleich zu Beginn seiner Rede zitiert. Ins „sprachlose Abseits“ sei die Basis gedrängt worden. „Wir wissen nicht mehr, was hinten und vorne ist.“ Diesem namenlosen Genossen, so scheint es, will Beck seine 85 Minuten lange Rede widmen. Nicht zufällig ist das Rednerpult auf einem roten Podest so nah wie noch nie an die Zuhörer herangerückt. Gut ein Viertel der Redezeit verwendet Beck darauf, die Arbeit der Ortsvereine und den Parteirat über den grünen Klee zu loben und dann vom Präsidium über die Minister bis zum Europaabgeordneten Martin Schulz jeden halbwegs prominenten Parteifreund mit einer Eloge zu bedenken. Die Botschaft ist klar: „Wir alle sind SPD. Gemeinsam werden wir Erfolg haben“, ruft Beck.

Der 57-jährige Pfälzer nimmt die Partei mit auf eine Reise in seine Welt, in der es für die „Famillje“ manchmal finanziell eng war, der 84-jährige Vater, von Beruf Maurer, den SPD-Vorsitz als „große Baustelle“ bezeichnet und wo der Baggerführer sich noch krumm legt, um das Studium seiner drei Söhne zu finanzieren: „Es darf nicht sein, dass wir da mit Studiengebühren noch einen draufsetzen.“ In dieser Welt schwärmt man von Willy Brandt und hält Günther Grass für den größten deutschen Schriftsteller. Es ist eine sehr sozialdemokratische, eine kleinbürgerliche Welt, wo man dem scheidenden Chef der Dachdecker-Innung eine Magnum-Flasche Rotwein zum „mäßigen Genuss“ schenkt. Also bekommt Platzeck von Beck eine „gute Flasche“ Spätburgunder aus der Pfalz und einen Rebstock.

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