Beschneidungsurteil
Angst vor den Hinterzimmer-Chirurgen

Das Kölner Beschneidungsurteil könnte für viele Jungen gesundheitliche Risiken bergen. Denn strengreligiöse Eltern weichen auf Hinterzimmer-Beschneider aus, um das Ritual nicht zu verschieben.

Köln / BerlinDie Politik drängt zwar, doch ganz so einfach wird es nicht. Die Beschneidung von Jungen in einem juristisch wasserfesten Gesetz zu regeln, ist nach Einschätzung des Bundesjustizministeriums schwer. „Die Sache ist komplizierter, als ein einfaches Sätzchen irgendwo einzufügen, wie sich das einige vorstellen“, sagte Ministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger dem Nachrichten-Magazin "Der Spiegel". Die FDP-Politikerin hält es für möglich, dass eine gesetzliche Regelung der Beschneidung am Ende in Karlsruhe landen wird.

„Ich schließe nach dieser emotionalen Debatte nicht aus, dass das Gesetz vor das Bundesverfassungsgericht kommt“, sagte die Bundesjustizministerin. „Da werden die Richter zu beurteilen haben, ob sie die Grundrechtsabwägung teilen, die wir vornehmen werden.“

Leutheusser-Schnarrenberger riet von einer Grundsatzdebatte über das Verhältnis von Staat und Religion ab. „Wir brauchen eine eng begrenzte Regelung für die Beschneidung von Jungen“, sagte die FDP-Politikerin.

Derweil haben Praxen im ganzen Bundesgebiet auf das Urteil reagiert. So beschneidet etwa der muslimische Kinderchirurg Hikmet Ulus in Köln kleine Jungen seit ziemlich genau vier Wochen nicht mehr. „Nach dem Urteil habe ich 30 religiös motivierte Beschneidungen abgesagt. Bei meinen Kollegen ist es genauso. Wir würden riskieren, uns strafbar zu machen“, sagt der Mediziner. Das Kölner Landgericht hatte die Beschneidung eines muslimischen Jungen aus religiösen Gründen jüngst als eine strafbare Körperverletzung bewertet. Seit einem Monat ist das Urteil bekannt, es hat eine Schockwelle, Proteste, internationale Empörung ausgelöst - und auch für große Verunsicherung bei Ärzten sowie jüdischen und muslimischen Familien gesorgt.

„Ich hoffe, dass wir bald eine klare Situation bekommen und bis dahin möglichst wenige Kurzschlusshandlungen passieren“, betont Ulus. „Ich habe Vertrauen, dass meine Patienten auf Rechtssicherheit warten und später zu mir kommen.“ Aber: „Scharlatane reiben sich schon die Hände. Der Eingriff wird jetzt illegal von Möchte-Gern-Beschneidern gemacht. Davon können Sie zu hundert Prozent ausgehen.“

Bei den Ärzten ruht das OP-Besteck für rituelle Beschneidungen weitestgehend. Aktuell wagt kaum jemand den Eingriff. „Wir haben keine statistischen Erhebungen, aber ich gehe davon aus, dass wir Stillstand haben und diese Eingriffe zunächst auch weiterhin unterbleiben werden“, sagt Rudolf Henke vom Vorstand der Bundesärztekammer. Bei den Urologen-Verbänden heißt es: totale Zurückhaltung. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass jetzt noch ein Urologe dieses Risiko eingeht“, bestätigt Wolfgang Bühmann vom Berufsverband der Deutschen Urologen. Auch die ganz überwiegende Mehrheit der niedergelassenen Kinderchirurgen nehme keine religiös begründeten Beschneidungen mehr vor, glaubt Sprecher Karl Becker.

Die Debatte ist aufgebracht. Viele sehen einen Anschlag auf die Religionsfreiheit, auf jüdisches und muslimisches Leben insgesamt. Nach Empörung und Protest gegen das Urteil mehren sich aber auch Stimmen, die den Eingriff klar ablehnen. Vor allem Kinderärzte und Kinderschutzorganisationen warnen, mögliche seelische und körperliche Folgen für die Jungen nicht zu bagatellisieren. Die Unversehrtheit des Minderjährigen müsse Maß aller Dinge sein. Die Politik will für rechtliche Klarheit sorgen. Der Bundestag hat erklärt, die rituelle, medizinisch fachgerechte Beschneidung von Jungen solle straffrei gestellt werden, die Regierung möge dazu ein Gesetz vorlegen.

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Religiöse weichen auf die Hinterzimmer aus

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