Buchvorstellung von Gabor Steingart
„Populisten sind eine Fehlermeldung“

Einfach nur Vorlesen war gestern: Bei seiner Buchpräsentation in Düsseldorf brachte Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart seine Zuhörer mit einem Powerpoint-Crescendo in Wallung – und forderte mehr direkte Demokratie.
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DüsseldorfTreffen sich 250 Handelsblatt-Leser im Interconti an der Kö und reden über die Revolution: Was wie der Beginn eines Kalauers klingt, wurde am Abend des 13. Dezember Realität. Der Wirtschaftsclub des Handelsblatts hatte eingeladen, es gab Wein und Häppchen im gedämpften Ambiente des Fünf-Sterne-Hotels in Düsseldorf.

Doch als Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart die Bühne betrat, war es mit der entspannten Feierabendatmosphäre schnell vorbei. Statt einfach nur aus seinem neuen Buch „Weltbeben“ vorzulesen, elektrisierte Steingart die Zuhörer mit einem Powerpoint-Vortrag, der vor allem eine Kernbotschaft hatte: Wir leben in einem Zeitalter der Überforderung. Die Gleichzeitigkeit von Europäischer Vereinigung, Digitalisierung, Globalisierung und religiös motiviertem Krieg überfordert die Steuerungssysteme von Wirtschaft und Politik – vor allem aber die Eliten, die an den Schalthebeln dieser Systeme sitzen.

Der Beamer projizierte die passenden Zahlen an die Wand des Konferenzraums: Die Staatsschulden steigen (außer in Deutschland) fast überall unaufhörlich weiter, „die nächste Finanzkrise ist die bestprognostizierte der Geschichte“. Die Managergehälter entfernen sich immer weiter vom Durchschnittsverdienst, die Lohnquote sinkt.

Doch statt sich um tatsächliche Lösungen zu bemühen, setzen Politiker laut Steingart immer stärker auf „Narrative“, auf emotional erzählte Geschichten, die beim Wähler gut ankommen. Vor allem in den EU-Institutionen herrschten „sklerotische Verhältnisse wie aus dem Feudalismus“. Angesichts solcher Verhältnisse warnte Steingart davor, die Wähler von extremen Parteien zu beschimpfen: „Populisten haben keine Lösungen, aber ihre Wahlerfolge sind eine Fehlermeldung. Es macht keinen Sinn, diese Fehlermeldung zu ignorieren.“

Die Lösung sieht Steingart in einer Selbstermächtigung des Bürgers, die er bereits in vielen Teilen der Gesellschaft am Werk sieht: Menschen beginnen sich vegan zu ernähren – und erteilen so der Massentierhaltung eine Absage. Bürger bringen mit Protesten das Freihandelsabkommen TTIP zu Fall – der Politik bleibt nur noch der Vollzug. Bürger stoppen Großprojekte wie Olympische Spiele, weil sie ihnen unsinnig erscheinen. Ganz im Sinne von Albert Camus: „Was ist ein Mensch in der Revolte? Ein Mensch, der nein sagt.“

Konkret wünscht sich Steingart mehr direkte Demokratie, zum Beispiel die Direktwahl des Bundespräsidenten und des Präsidenten der EU-Kommission und mehr Bürgerbeteiligung auf kommunaler Ebene.

Der Vortrag und die anschließende Diskussion mit Handelsblatt-Auslandschefin Nicole Bastian entließ das Publikum in einer nahezu protorevolutionären Stimmung. Ein Herr im Anzug fragte: „Was sollen wir als nächstes tun, Herr Steingart?“ Doch auch die Zuhörer machten von ihrem Recht aufs Selberdenken Gebrauch, Kritik gab es zum Beispiel an Steingarts harscher Kritik an den EU-Institutionen. Die seien, so ein Zuhörer, schließlich auch nicht undemokratischer als die Strukturen in der Bundespolitik.

Was die Sache allerdings nicht unbedingt besser macht.

Networking auf höchstem Niveau
Einmal im Quartal lädt das Handelsblatt die Mitglieder des Handelsblatt Wirtschaftsclubs nach Düsseldorf, Hamburg, Berlin, München und Frankfurt zu Club-Gesprächen ein. Mit Entscheidern aus Politik, Wirtschaft, Kultur oder Wissenschaft wird im kleinen Rahmen über aktuelle Themen diskutiert. Regelmäßig finden in festlichem Rahmen Deutschland-Dinner statt. Zudem gibt es viele Branchen-Konferenzen und -Jahrestagungen – der Handelsblatt Wirtschaftsclub öffnet Ihnen die Türen zu diesen Events.

Eine Übersicht über die geplanten Club-Events und die Termine finden Sie unter club.handelsblatt.com.

Christian Rickens ist Ressortleiter Agenda.
Christian Rickens
Handelsblatt / Ressortleiter Agenda

Kommentare zu " Buchvorstellung von Gabor Steingart: „Populisten sind eine Fehlermeldung“"

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  • Da spricht ja der Richtige! Ein Vertreter (in diesem Fall sogar Herausgeber) der Systempresse mokiert sich über zu wenig Demokratie. LOL

  • Direkte Demokratie ist gut - und sie funktioniert. Die Schweizer haben über den Gotthard-Tunnel abgestimmt, dann wurde er termingerecht gebaut und er wurde nicht teurer als geplant. Die ersten, die durch den Tunnel hindurchfahren durften, waren Bürger, die über das Los bestimmt wurden. Nur eine kleine Geste, die aber deutlich machte: Ihr habt den Tunnel bezahlt, wir haben nur ausgeführt. Natürlich wird dann von denen, den es nicht passt, das Minarettverbot aufgeführt. Ich halte nichts vom Minarettverbot, aber wenn das Volk so abgestimmt hat, dann ist das eben so.Hätten die Gegner sich eben mehr anstrengen müssen. Direkte Demokratie belebt das Geschäft:

    Als wir in Darmstadt mit einem Bürgerentscheid den Bau einer überteuerten und wenig sinnvollen "Umgehungsstraße erzwungen und gegen SPD/FDP/GRÜNE/CDU gewonnen haben, da hat es in den Zeitungen viele hochinteressante Diskussionen über das Für und Wider gegeben. Das hat Spaß gemacht. Allerdings hätte man die Straße auch bauen müssen, wenn wir die Sache verloren hätten. Man projiziert in die direkte Demokratie gerne die Erfüllung der eigenen Wünsche hinein. So ist es aber nicht. Man muss verlieren können - und das kann sehr bitter sein, denn kämpfen tun die Verlierer ja auch. Damit man gewinnt, muss man auf die Straße, diskutieren, überzeugen, mal erfreulich, mal weniger erfreulich.

    Unser Politikbetrieb findet aber nicht auf der Straße statt, sondern handelt von Männern und Frauen, die auf Stühlen sitzen. In endlosen Talkshows und Lesungen kreisen sie um sich selbst. Die Leute, die so vollmundig über direkte Demokratie reden, wie z.B. auch Herr Steingart, wie oft haben die mit einer Unterschriftenliste in der Innenstadt oder vor einem Supermarkt gestanden? Wissen die, wieviel Arbeit das macht, wieviel Lebenszeit das kostet? Herr Steingart liegt in vielen Punkten richtig, aber dennoch sollte man eine Kuh keine Vorlesung übers Radfahren halten lassen.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette 

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