Special

Bürgerschaftswahlen 2015

Kommentar zur Bürgerschaftswahl
Bremer Mikado

Wer sich bewegt, fliegt raus. Die Bremer wählen den Stillstand. Und lassen die SPD mit Bürgermeister Jens Böhrnsen weiterregieren. Wäre der Stadtstaat ein Unternehmen, müsste er übermorgen schließen.
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Wenn Bremen eine Aktiengesellschaft wäre, dann wäre sie wahrscheinlich pleite, mit Sicherheit aber läge der Aktienkurs am Boden. Die Pro-Kopf-Verschuldung liegt in keinem Bundesland höher, das Land gibt chronisch mehr aus, als es einnimmt: Negativer Cashflow würde ein Unternehmensberater dazu sagen, wenn Bremen eine Aktiengesellschaft wäre. Er würde dringend dazu raten, diese Situation abzustellen. Wenn das alte Management dazu nicht in der Lage ist, würde er empfehlen, ein neues zu suchen.

Wenn Bremen eine Aktiengesellschaft wäre, läge sie bei Forschung und Entwicklung ziemlich abgeschlagen hinten in ihrer Branche. Denn in Sachen Bildung rangieren Bremens Schulen chronisch auf den letzten Plätzen.

Neues aus der Forschungsabteilung ist von dieser Firma nicht zu erwarten. Aktionäre würden nach Innovation rufen, oder dem Management auf der Hauptversammlung einen Denkzettel verpassen. Wenn Bremen ein Unternehmen wäre, würden die Mitarbeiter längst für mehr Fortbildung in den unbefristeten Streik getreten sein.

Wenn Bremen eine Aktiengesellschaft wäre, dann hätten die Unternehmenslenker erkannt, dass ihre Firma für den Weltmarkt etwas klein geraten ist. Sie hätten sich nach dem einen oder anderen Joint Venture umgeschaut, vielleicht hätten sie sich auch die Genehmigung ihres Aufsichtsrats geholt, Verkaufsverhandlungen einzuleiten. Deutschlands kleinster Stadtstaat dagegen leistet sich eine Verwaltung als wäre er eine Supermacht. Das Regieren dem benachbarten Niedersachsen zu überlassen, ist ein Tabuthema, das nur absolute Nicht-Kenner beharrlich immer wieder ansprechen.

 

Wir wissen es: Bremen ist natürlich keine Aktiengesellschaft, es gibt keine Führungsetage und keinen CEO und keine Mitarbeiter und keine Aktionäre, sondern es gibt eine Bürgerschaft und einen Bürgermeister. Es gibt Bürger, die die Wähler sind, und sie entscheiden öfter mal nicht nach Kassen- sondern nach Gefühlslage. Sie scheuen den Wechsel und sie lieben ihren Bürgermeister, der ihnen seit zehn Jahren erzählt, dass irgendwie, irgendwann alles besser wird. 

So haben sie ihn auch an diesem Sonntag wieder aufs Schild gehoben. Die Dickschädel dieser Republik – sie sitzen nicht nur in den bayerischen Bierzelten, sie stehen auch an den hanseatischen Fischmärkten. Und die anderen: Sie haben in der Bremer Politik niemanden gefunden, dem sie den Wechsel zutrauen. Wenn Bremen eine Aktiengesellschaft wäre: Seit diesem Wahltag würden sich die Insolvenzverwalter die Hände reiben.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Kommentar zur Bürgerschaftswahl: Bremer Mikado"

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  • Wenn Bremen - nicht nur Bremen - sondern auch Hamburg, Berlin, MacPomm, Brandenburg, NRW und noch einige andere Bundesländer Aktiengesellschaften wären....., dann wären die alle schon seit Jahren als Bundesländer aufgelöst worden. Es ist müßig immer wieder ähnliche Artikel nach solchen Wahlen in solchen Bundesländer zu schreiben. Interessanter wäre zu wissen warum die Bremer so an ihrer SPD festkleben. Dieser Klebstoff könnte doch vielleicht vermarktet werden. Dann wäre sicherlich das Land finanziell saniert. [...]

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Bremen ist ist seit Kriegsende fest in der Hand der Sozialdemokraten. Bei acht Landtagswahlen erreichten sie sogar die absolute Mehrheit. Nach dieser ununterbrochener „Herrschaft“ kann kein Politiker auf den augenblicklichen selbstgemachten miserablen Zustand stolz sein.
    Und dann kommen gerne wieder die volksverdummenden Plattitüden: -„Eines der größten Defizite der Bremer Gesellschaft ist gleichzeitig Böhrnsens wichtigstes Anliegen: der soziale Zusammenhalt. Es bedrückt ihn, daß Bremen den höchsten Anteil armer Kinder in Deutschland hat“ –
    Kinderarmut hört sich so besorgt an. Aber sogenannte „Kinderarmut“ ist in Wirklichkeit die Armut der ganzen Familie. In Familien soll es auch Erwachsene geben. Und wenn diese kein vernünftiges Auskommen haben, das erzeugt dann eben Armut.
    Daß Bremen aktuell als Schlußlicht in praktisch allen Feldern - trotz erheblicher Mittel aus dem Länderfinanzausgleich – dasteht, ist keine gute Referenz für die über Jahrzehnte wirkende politische Kraft. Es ist ein deutlicher Hinweis daß wirtschaftspolitisches Versagen einen Namen hat.

  • Erschreckend ist die geringe Wahlbeteiligung.
    Das birgt eine Gefahr für die Demokratie

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