Bundesnetzagentur-Chef Homann
„Kosteneffizienz werden wir nicht über Bord werfen“

Der neue Präsident der Bundesnetzagentur macht Hoffnungen der Stromnetzbetreiber auf höhere Renditen zunichte. Es könne nicht sein, dass Kosten auf die Allgemeinheit überwälzt werden, sagt Jochen Homann im Interview.
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Handelsblatt: Der Ausbau der erneuerbaren Energien schreitet ungebremst voran, der Ausbau der Netze dagegen ist – noch – längst nicht auf Touren gekommen. Passt das zusammen?
Homann: Nein, das passt eindeutig nicht zusammen. Darum werbe ich für eine stärkere Synchronisierung des Netzausbaus auf der einen und des Ausbaus der erneuerbaren Energien auf der anderen Seite.

Im Moment geschieht genau das Gegenteil. Die Bundesländer liefern sich beim Ausbau der erneuerbaren Energien einen Überbietungswettbewerb.

Das stimmt. Und es ist ein Problem. Ich hielte es für sinnvoll, das Thema auch unter den Bundesländern zu koordinieren. Die norddeutschen Bundesländer gehen da mit gutem Beispiel voran. Sie sprechen ihre Strategie für einen schnellen Ausbau der Windenergie miteinander ab, um gemeinsam ihr Ziel zu erreichen, Windstromexporteure zu werden. Aber das reicht noch nicht. Andere Bundesländer sollten einbezogen werden.

Es gibt südliche Bundesländer, die Energieautarkie anstreben. Wie bewerten Sie das?

Energieautarkie auf der Ebene eines Bundeslandes halte ich für den falschen Weg. Wir wollen uns europäisch zusammenschalten, denken über  Ländergrenzen hinweg und streben einen europäischen Energiebinnenmarkt an – zum Vorteil aller Marktteilnehmer. Energieautarkie ist das glatte Gegenteil davon.

Seit Monaten häufen sich die Fälle, in denen beispielsweise Windkraftanlagen abgeregelt werden müssen, weil der Strom sich nicht mehr ins Netz integrieren lässt. Was wollen Sie dagegen kurzfristig tun?

Die Politik hat das Problem erkannt und verfolgt aus meiner Sicht die richtigen Ansätze. Das wird am Beispiel der Photovoltaik-Förderung deutlich. Neue Photovoltaik-Anlagen sollen künftig keine 100prozentige Abnahmegarantie mehr für die gesamte Strommenge bekommen. Das hat hoffentlich auch den Effekt, dass Solaranlagen verstärkt dort aufgestellt werden, wo Abtransport und Vermarktung des Stroms gut möglich sind. Das ist im Kern der richtige Weg. Natürlich ist das erst ein Anfang.

Wäre es nicht viel einfacher, den Ausbau der erneuerbaren Energien strikt daran zu orientieren, wie weit der Ausbau der Netze vorangeschritten ist?

Soweit würde ich nicht gehen. Aber es ist richtig, dass man den Erfolg der Energiewende nicht allein danach bemessen darf, wie viel Strom aus erneuerbaren Quellen produziert wird. Die erneuerbaren Energien können nur zusammen mit zusätzlichen Netzen zu einer verlässlichen Stütze der Stromversorgung werden.

Bislang gilt für die Erneuerbaren der Einspeisevorrang: Strom aus erneuerbaren Quellen genießt eine Abnahmegarantie. Begrenzender Faktor sind allein die Netzkapazitäten. Ist dieser Einspeisevorrang auf Dauer durchzuhalten?

Ab einem gewissen Zeitpunkt kann der Einspeisevorrang nicht mehr funktionieren.

Wann ist dieser Zeitpunkt gekommen?

Wir haben ja heute schon stundenweise in einigen Regionen ausschließlich Strom aus erneuerbaren Quellen in den Netzen. Damit ist bereits heute eine Grenze markiert. Bei einem weiter steigenden Anteil der Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen, der ja politisch gewollt ist, wird der Einspeisevorrang nicht mehr zu halten sein.

Kommentare zu " Bundesnetzagentur-Chef Homann: „Kosteneffizienz werden wir nicht über Bord werfen“"

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  • @ fuggi,
    auch Stromnetze sollten als versorgungsrelevante Syteme unter der Hoheit des Staates angesiedelt sein.
    Damit bekämen Betreiber, wer immer das auch sein mag, auch den Unterhalt und Ausbau vorgegeben. Diesen Part der Wirtschaft zu überlassen dürfte kein Problem sein, wenn die Vorgaben durch die Politik gegeben sind (hier unterstelle ich der Politik pro Bürger handeln zu wollen).

  • Das hatten wir schon mal. Aber finanzkräftigen Unternehmen wie EON oder RWE wollte ja niemand mehr die Netze überlassen. Wir verkaufen sie wie die Mineralölindustrie lieber ins Ausland, und wundern uns anschließend, dass wir keinen Einfluss mehr auf die Entwicklung haben. Armes Deutschland.

  • "Die von ihnen genannten Akteure fordern in ihrem Papier, einen Teil der Risiken zu „sozialisieren“. Stellen sich nicht ihre Nackenhaare auf, wenn Sie das lesen?"

    Die Netzbetreiber sollten vollständig für Verzögerungen beim Netzanschluss haften. Dann wären solche Drückeberger wie Tennet nämlich ganz schnell pleite und die entsprechenden Netze könnten preiswert von finanzkräftigeren Unternehmen aufgekauft werden, die dann wiederum genügend finanziellen Spielraum haben, um abgelegene Produzenten erneuerbarer Energie (bspw. Offshore-Windparks) zügig ans Netz anzuschließen.

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