Bundesregierung
Peer Steinbrück: Merkels bester Mann

Er ist der Mann für die Krise. Ob London oder Pittsburgh, bei den wichtigen Gipfeltreffen ist er es, der an der Seite der Kanzlerin steht. Bei den Wählern kommt er besser an als der Spitzenkandidat seiner Partei. Für Finanzminister Steinbrück scheint klar, wer am Sonntag zur Wahl steht: er selbst. Wer unter ihm Kanzler ist, ist zweitrangig.

BERLIN. Es ist immer wieder dieselbe Frage, die Politiker im Wahlkampf zu hören bekommen. Der Finanzminister wiederholt sie nun selbst: "Wer zahlt die Zeche?" Und er schiebt gleich noch eine zweite hinterher: "Meine Generation?" Hemdsärmlig und gut gelaunt steht Peer Steinbrück vor ein paar hundert Schülern des Oberstufenzentrums Banken und Versicherungen in Berlin. "Nee", zischt der 62-Jährige, "Ihre!"

Die Mensa ist vollbesetzt, eigentlich haben die Schüler schon frei. Auf dem Podium sitzen der örtliche SPD-Bundestagsabgeordnete und seine potentielle Nachfolgerin. Doch mehr als Kulisse sind die beiden nicht. Es geht allein um Peer Steinbrück. "Ich bin seit vier Jahren der langweilige Bundesminister mit den Ärmelschonern und dem Radiergummi", hat der sich zuvor vorgestellt.

Schnell hat er dann noch erzählt, wie er eigentlich Journalist werden wollte, fast Wirtschaftswissenschaftler geworden wäre und schließlich in der Politik gelandet ist. "Schwuppdiwupp war ich Staatssekretär." Und schwuppdiwupp ist er bei seinem Thema, der Finanzkrise. Von der gefährlichen Politik des billigen Geldes spricht er jetzt; davon, dass er wie 98 Prozent der Fachleute die Krise nicht vorhergesehen habe; dass er ohne sie im nächsten Jahr eine "Neuverschuldung von fast null" gehabt hätte; und von falschen Vorurteilen: "Ich lasse mir nicht einreden, dass der Ursprung der Krise Politikversagen ist."

Wer Steinbrück in den letzten Wochen im Wahlkampf hat reden hören, der kennt die Sätze, oft auch die Pointen. Von Verstaatlichung ist die Rede ("Ein Begriff, wo man sich in Deutschland, wenn man ihn in den Mund nimmt, anschließend die Zähne putzen muss"), von der Schuldenstandsquote, die er auf 63 Prozent senken habe können, von der Notwendigkeit der Riesterrente, aber auch - endlich mal ganz Sozi - von "denen da oben", die achtmal so viel Steuerersparnis hätten wie "die unten". Zum Schluss findet sogar noch der Kanzlerkandidat seiner Partei, Frank-Walter Steinmeier" und dessen "Deutschland-Plan" lobend Erwähnung.

Es ist eine Wahlkampfveranstaltung ganz nach Steinbrücks Geschmack. "Marktplatzbeschreiungen", sagt eine Ministeriumssprecherin, die sind nicht sein Ding. Hier dagegen ist er in seinem Element. In der Mensa des Oberstufenzentrums hat der Minister zudem ein kritisches, aber dankbares Publikum vor sich. Erstwähler, die es zu gewinnen gilt. Seine offene Art kommt gut an. Ein Politiker, der auch mal von "der ganzen Scheiße" spricht, wenn er die Finanzkrise meint, einer, der Humor hat. Es wird gelacht, es wird geklatscht. Als der Schulgong ertönt, nachdem Steinbrück gerade erst zu reden begonnen hat, fragt er strahlend: "Ist jetzt Schluss?"

Vielleicht hat es ja einen Grund, warum Steinbrück kaum über den SPD-Kanzlerkandidaten redet, warum er nicht müde wird, sein gutes Verhältnis zu Kanzlerin Angela Merkel zu betonen, und warum er just im Endspurt vor der Bundestagswahl, das ausgesprochen hat, was viele seiner Parteifreunde, die an der Regierung bleiben wollen, denken: dass eine Fortsetzung der Großen Koalition "kein Unglück" wäre. Vielleicht geht es in seinen Augen am 27. September nicht in erster Linie um die Kanzlerfrage.

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