TV-Kritik
Und plötzlich haben sich alle lieb

Sieht Merkel jetzt rot, fragte Maybrit Illner ihre Gäste. Es scheint so. Denn eines wurde in deutlich: Wenn sich CSU-Haudegen und SPD-Linke in einem Fernseh-Talk nicht mehr streiten mögen, ist eine Große Koalition nahe.
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Der Donnerstagabend im ZDF schien zumindest wie aus einem Guss geformt: Erst feierte in einer altbackenen Quizshow Johannes B. Kerner sein Comeback. Bekanntlich hatte der Moderator den Mainzer Sender anno 2009 verlassen – im Jahr, als auch die bislang letzte Große Koalition endete. Jetzt scheint die nächste bevorzustehen, und Kerner darf wieder im ZDF vor die Kamera – und gleichseine Sendezeit überziehen.

Im nach hinten geschobenen „heute-journal“ sagte dann die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, was sich zu den wahrscheinlich bevorstehenden Koalitionsverhandlungen im Moment sagen lässt (wenig, sodass Kraft auch Gelegenheit hatte, häufiger zu erwähnen, wie die SPD sich für „die Menschen in diesem Land“ engagiert). Und anschließend wurde bei Maybrit Illner unter dem Sendungstitel „Die Qual nach der Wahl: Sieht Merkel jetzt rot?“ noch einmal in aller Ruhe darüber geredet.

Das geschah in so freundlicher Atmosphäre, dass die Sendung tatsächlich einen Eindruck davon vermittelte, wie es in den nächsten Jahren in der Politik zugehen könnte. Die nebeneinander platzierten Markus Söder (CSU) und Ralf Stegner (SPD), die noch vor wenigen Wochen als idealtypische Streithähne aus Bayern und Schleswig-Holstein gegolten hätten, vertrugen sich so blendend, als hätten sie schon das halbe Leben miteinander verbracht. Und das obwohl Söder auch den Sondierungsgesprächen mit den Grünen auf das Expliziteste nachtrauerte („Wir hätten uns das durchaus getraut“). Andererseits vertrug sich der als SPD-Linker geltende Stegner bemerkenswert gut auch mit „Handelsblatt“-Herausgeber Gabor Steingart .

Steingart äußerte etwa anhand von Thesen aus seinem aktuellen Buch – die Staaten seien „kreditsüchtig“ geworden, die Banken hätten sich zu „Sonderwirtschaftszonen“ entwickelt – die Befürchtung, eine Große Koalition sei nicht darauf vorbereitet, dem Machtfaktor Banken zu begegnen. Stegner stimmte sofort zu: „Der Primat der Politik muss und kann durchgesetzt werden“. Wie zum Beispiel „die Amerikaner mit der Schweiz umgehen, nämlich durchaus robust“, sei ein Beispiel. Dass es nicht das ist, was Steingart meint, kam anschließend gerade noch rüber.

Dann wurde per Einspielfilm, um die Diskussion zurück auf erheblich allgemeineres Niveau zu lenken, mal wieder Ausschnitte aus dem im Juni publik gewordenen, inzwischen sehr bekannten Telefonat irischer Banker eingespielt. Unterschiedliche Ansichten zu komplexen Themen vorzustellen, zählt eben nicht zu den Kernkompetenzen deutscher Talkshows.

Immerhin, in der ersten Hälfte der Sendung war ein Spektrum aktueller Ansichten zum flächendeckenden Mindestlohn vorgestellt und diskutiert worden. Das Spektrum reichte von „Die meisten Menschen wissen, dass es nichts taugt, wenn man von seiner Arbeit nicht leben kann“ (Stegner) bis zu „Die Leut' sollen leben können von ihrer Arbeit“ (Söder). Am relativ skeptischsten äußerte sich Susanne Schmidt, Wirtschaftsjournalistin sowie Tochter des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt: „Vielleicht sind 8,50 ein bisschen hoch“, sagte die in England verheiratete Schmidt und riet mit einem faszinierenden Hauch von englischem Akzent in der Stimme: „Lieber ein bisschen niedriger anfangen und schauen, was sich entwickelt.“

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Freundlicher Grundtonfall

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  • Die Sendung war wirklich sehr langweilig.
    Steingarth war gut, aber Stegner hat ihn offenbar gar nicht richtig verstanden.
    Es wird eine GroKo wie letzte, alles Friede, Freude, Eicherkuchen, Merkel bleibt ständig unsichtbar und alle Maßnahmen gegen das Volk verkündet die SOD.
    Danach dürfen wir die SPD dann wohl bei 12% oder so ähnlich finden.
    Es geht doch in Wirklichkeit nur um Pöstchen.
    Und wer glaubt, nur die irishen Banker haben solche Äußerungen gemacht, der glaubt auch an den Osterhasen.
    Alle Banker in Europa lachen sich kauputt über das bekloppte Deutschland.

  • Es wird sich an der Politik nichts ändern, wir hatten die letzten vier Jahre zwischen SPD und CDU in wichtigen Angelegenheiten immer Einigkeit. Der Tonfall ist nur fürs Mediale mal oppositionell mal koalotionär. Die SPD darf sich aber auf neue Pöstchen freuen, zumindest da wird sich vielleicht etwas ändern.

  • Zitat : Freundlicher Grundtonfall

    - bei der Abstimmung des Ergebnises des Koalitionsvertrages wird die SPD-Basis einen anderen Ton einschlagen !

    Ob die sogenannten Führungskräfte der SPD diesen Tonfall überleben, bleibt abzuwarten.

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