Bundestreffen der deutschen Globalisierungskritiker
Attac: Die mit den Füßen stampfen

Die Globalisierungskritiker von Attac könnten die Finanzkrise als Triumph feiern. Stattdessen beschwören sie Utopien - und ihre Hoffnungsträger suchen sich neue Jobs.

DÜSSELDORF. Stuhlkreis. Den Konsensvorschlag trägt Stephan vor. Sein Name steht auf einem orangenen Kärtchen, das an einer Kordel vor seiner Brust baumelt. Über ihm hängt ein Transparent an der Wand der Grundschulaula. "Das Kasino schließen, Finanzmärkte kontrollieren" steht da. Nie schienen die Globalisierungskritiker von Attac ihren Zielen so nah wie heute.

300 Attac-Mitglieder sind an diesem Wochenende in die Aula der Rudolf-Steiner-Schule in Düsseldorf zum "Ratschlag" gekommen, es ist das Bundestreffen der deutschen Globalisierungskritiker. Manche Teilnehmer stehen kurz vor der goldenen Hochzeit, andere kurz vor dem Abitur. Es ist Samstagvormittag, nun geht's ums große Ganze. Stephan sagt: "Attac braucht jetzt vor allem eines, nämlich globale Aktionen!" Beifall. "Wie die genau aussehen sollen, müssen wir noch diskutieren." Später wird beschlossen: Banken sind zu "entmachten", und am 30. Oktober gibt es eine Demo vor dem Finanzministerium in Berlin.

In Washington beim IWF-Treffen reden sich die Mächtigen der Welt gerade die Köpfe heiß, wie sie das beenden sollen, was die "Attackis" ihnen immer verheißen haben: die große Krise des Weltkapitalismus. Denn es ist so weit: Tag für Tag Bankenpleiten und Börsencrashs. Die Ratschlagenden, die da in Düsseldorf mit Zigarette, Bionadeflasche oder Bierpulle in Grüppchen walldorfidyllisch am Schulteich mit den Seerosen stehen, könnten sich feiern. Stattdessen wirken sie ziemlich ratlos.

Die Finanzkrise stellt Attac vor ein gewaltiges Problem. Nun müssen die Globalisierungskritiker ihren Traum von einer "gerechteren" Weltwirtschaftsordnung mit Alternativvorschlägen füllen. Immer dagegen zu sein ist einfacher, als für etwas Konkretes einzustehen. Und dieser Aufgabe sind die Attacler nicht gewachsen. Das Ergebnis: Ratlosigkeit und Endlosdiskussionen beim Ratschlag zu Düsseldorf.

Dabei stand am Anfang von Attac anno 1998 eine einzige, schlichte, konkrete Idee des Nobelpreisträgers James Tobin: eine weltweite Steuer von 0,1 Prozent auf sämtliche Devisengeschäfte, um Spekulationen an den Finanzmärkten einzudämmen. Dieser Idee verdankt die Bewegung ihren angriffslustigen Namen. Im Französischen kürzt das knackige "Attac" das sperrige "Organisation für eine Besteuerung finanzieller Transaktionen zwecks Hilfe für Bürger" ab. Protestwellen wie beim WTO-Gipfel 1999 in Seattle und 2001 beim G8-Treffen in Genua machten Attac zum Vortänzer aller Globalisierungsskeptiker. Rasch wurde Deutschland zur Hochburg: Von weltweit 90000 Mitgliedern sind 19630 Deutsche - darunter auch Heiner Geißler (CDU), Andrea Nahles (SPD) und Linksparteichef Oskar Lafontaine. Jahresbeitrag: 15 Euro - oder mehr.

Eigentlich schien der Attac-Boom schon vorbei. Als die Weltwirtschaft wuchs, schrumpfte das Thema Ungerechtigkeit dahin. Sogar Großproteste gegen G8-Gipfel wie in Heiligendamm im Sommer 2007 vermochten Attac kaum wiederzubeleben.

Nun ist Finanzkrise, und eine Trendwende dämmert. Dafür bräuchte es eine Führungsfigur. Sven Giegold wäre perfekt. Der 38-Jährige ist einer der Gründer von Attac in Deutschland. Einst kürte ihn ein Magazin zum "wichtigsten jungen Deutschen". Bei Attac-Happenings kam Giegold ebenso gut rüber wie bei Sabine Christiansen. Voracht Tagen ließ er bei "Anne Will" mit gescheiter Schlagfertigkeit Bundeswirtschaftsminister Michael Glos' Halsschlagadern anschwellen. Leider hat der Attac-Star gerade anderswo angeheuert: Kürzlich trat er den Grünen bei, 2009 soll Giegold für sie ins Europaparlament einziehen. "Ein Generationenwechsel war nötig", sagt er über Attac. "Es ist nie gut, wenn jemand zu lange an seinem Sessel klebt." Außerdem: Er habe noch etwas anderes machen wollen in seinem Leben.

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