Bush in Deutschland
Sonnige Tage an der Ostsee

Am heutigen Freitag ist US-Präsident George W. Bush schon wieder aus Deutschland abgereist. Was bleibt, ist die Erinnerung an ein paar – für ihn offenkundig schöne – Stunden in Stralsund. Wie der Besuch in der Hafenstadt und das Zusammentreffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel abgelaufen ist. Eine Reportage.

STRALSUND. Punkt 9.45 Uhr kurvt der schwarze, mit Keramik und Stahl bombensicher gepanzerte „Cadillac de Ville“ auf den Alten Markt. US-Scharfschützen und schwer bewaffnete deutsche Sondereinsatzkommandos sorgen auf den Dächern der Häuser für das gängige Bedrohungsszenario. Unten auf dem Pflaster haben sich ein paar hundert Bürger aufgereiht, deutlich weniger als die 1 000, die eingeladen waren. Auf Wunsch der amerikanischen Fernsehteams werden sie deshalb vor der Tribüne konzentriert. Für schönere Bilder. Schon lächelt US-Präsident George Bush in die brave Menge: Here I am! Die Band vor dem gotischen Rathaus spielt „A Sentimental Journey“. Großes Kino.

Zu dem Politstreifen gehört ein donnernder Coup. Trotz der 12 500 Polizisten und der seit dem Vorabend abgesperrten Innenstadt und trotz der vielen US-Sicherheitsexperten foppt Greenpeace sie alle: Eine halbe Stunde vor Angela Merkels Ankunft um 9.25 Uhr entrollt ein Aktivist vom gewaltigen Turm der Nikolaikirche die Provokation: „No Nukes, No War, No Bush!“ Kaum auszudenken, ein wirklich Böser hätte sich auf den Turm geschlichen.

Gegenüber, an der Fassade des „Hauses der Gewerkschaft“, hängen schlaff zehn regenbogenfarbene „Pace“-Fahnen, nobilitiert einst durch italienischen Protest gegen den Irak-Krieg. Kurz vor der Visite hat das Rathaus schnell vier große Träger mit großzügig bemessenen Bannern aufgebaut. Damit Bush des „Pace“ nicht so gewahr wird. Er scheint nichts von allem zu merken. Dabei hätte ihn das wohl nicht verdutzt, wollte er doch unbedingt das einst kommunistische Reich des Bösen erfahren. So weiß er wohl schon, dass sie hier, im einstigen „state of evil“, von Kindesbeinen an gelernt haben, „den imperialistischen Feind der Menschheit“ zu „hassen“. So lautete ja die Anweisung in den DDR-Schulfibeln. Der böse Feind war immer der „Ami“, der „Yankie“, „Imperialist.“ Jetzt: George W. Bush.

„It’s damn hot“, mehr entfährt dem observierenden US-Boy undurchsichtiger Profession nicht. In seinen glänzenden schwarzen Lackschuhen und dem Stöpsel im Ohr steht er breitbeinig und cool bebrillt am Rand des Markts. Genauso könnte er in der brüllenden Hitze von Mecklenburg-County, North Carolina, vor sich hindampfen. Dort, wohin vor Urzeiten etliche Fischköppe der Region auswanderten, ist es auch heiß, nur viel schwüler. Bush kennt Mecklenburg, USA, eine Art Südstaaten-Mecklenburg. Der feine Unterschied zum „real thing in Germany“: Die Rothäute dort waren immer schon da und trugen Federn. Im echten „Meck-Pomm“ tragen sie Parteibücher: rot für SPD, blutrot für SED alias PDS. Und sie befehden sich.

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