Chaos Computer Club
„Wir waren nicht paranoid genug“

Auf dem Treffen des Chaos Computer Clubs ist die Stimmung kämpferisch. Nach den Snowden-Enthüllungen will die Hackerszene das Internet neu erfinden. Auch die Politik hat schon Pläne – für die Wirtschaft.
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Berlin/HamburgFreude und Entsetzen liegen manchmal nah beieinander. Schon immer warnte die Hackerszene davor, dass Geheimdienste viele digitale Kommunikationssysteme unterwandern würden. Bislang verhallten diese Warnungen ungehört. Doch nun übertrifft die Realität selbst die Alpträume der Hacker. „Wir waren nicht paranoid genug.“ Diesen Satz hört man oft auf dem 30. Chaos Communication Congress (30C3), dem Jahrestreffen der Internaktivisten und Computerexperten. Unterdessen kündigte der neue Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel eine Initiative für mehr Datensicherheit an.

„Es ist ein Unterschied zu sagen, dass man das die ganze Zeit schon gewusst hat, und ein Dokument von der NSA zu haben, dass das beweist“, sagt Eva Galperin von der amerikanischen Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation. Dokumente gibt es inzwischen genug; während des Kongresses veröffentlichte der „Spiegel“ weitere Informationen über die Spionage der NSA und des britischen Nachrichtendienstes GCHQ.

Die Hacker reagieren darauf mit einem Aufruf zum Widerstand. Sie müssten das Internet neu erfinden, forderte Eröffnungsredner Tim Pritlove vom Chaos Computer Club (CCC). Der Enthüllungsjournalist Glenn Greenwald, selbst maßgeblich an den Enthüllungen beteiligt, setzt seine Hoffnung ebenfalls auf die versammelten Computerexperten, wie er in seiner per Video übertragenen Rede sagte. Denn sie würden sich auskennen mit Techniken zum Schutz der Privatsphäre in der digitalen Welt.

„Die Grundstimmung ist eher kämpferisch und nicht resigniert“, sagt auch CCC-Sprecherin Constanze Kurz. Das Anpacken und Tüfteln gehört fest zur Szene. „Von der politischen Seite kommt ja nichts, also muss man das selber machen“, sagt Kurz.

Arbeit gibt es genug. Normale Nutzer setzen bislang kaum Verschlüsselung ein, um sich zu schützen. Bei selbst organisierten und weltweit veranstalteten „Cryptoparties“ sollen Laien das lernen. Organisatoren solcher Treffen waren auch auf dem Kongress und beschlossen dort, künftig noch mehr solcher Veranstaltungen anzubieten.

Doch das Grundproblem bleibt. „Diese technischen Lösungen sollten nicht nur für Aktivisten da sein, die sich stundenlang damit auseinandersetzen können“, sagt Renata Avila. Die Anwältin setzt sich für Menschenrechte und gegen Überwachung ein und berät auch Wikileaks-Gründer Julian Assange.

Das ist nicht das einzige Problem: Nahezu alle digitalen Kommunikationssysteme müssen neu gebaut werden, will man die Geheimdienste wieder aussperren. Das zeigt nicht zuletzt der aktuelle Bericht des „Spiegels“. Die NSA unterhalte eine digitale Spezialeinheit namens TAO, die Hintertüren in eine Reihe kommerzieller IT-Produkte gehackt habe. Vom Unterseekabel, über Computerprogramme bis hin zu Rechnern und selbst Kabeln kann der Geheimdienst offenbar alles angreifen und an jeder dieser Stellen Nutzer ausspionieren.

„Das zu reparieren, wird mehr als zehn Jahre dauern“, sagt die US-Aktivistin Galperin. „Einige dieser Dinge können einfach repariert werden, aber einige sind sehr schwer umzusetzen.“

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