CSU-Chef bei der Landtagsfraktion
Harsche Kritik an Stoiber in München

Neue Sitten bei der CSU: Selbst einfache Abgeordnete der Landtagsfraktion in München nahmen am Mittwoch kein Blatt vor den Mund, um Parteichef Edmund Stoiber auf gut bayerisch die Meinung zu sagen. Nach der spannungsgeladenen Sitzung gab man sich zwar versöhnlich - doch wie lange wird es halten?

HB MÜNCHEN. Als hätte man einen Deckel vom Dampftopf genommen, macht sich die angestaute Wut Luft. In der Landtags-CSU muss der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber am Mittwoch ein Trommelfeuer der Kritik über sich ergehen lassen. Fast fünf Stunden lang prasseln derartige Unmutsbekundungen auf den einst fast als Heilsbringer verehrten Regierungschef nieder, dass es selbst alten Fahrensleuten die Stimme verschlägt.

„So was habe ich noch nie erlebt“, sagt der frühere Justizminister Alfred Sauter. „Da nehmen einfache Abgeordnete kein Blatt vor den Mund, von denen man es gar nicht erwartet hat.“ Dazu trägt Sauter selbst kräftig bei: „Edmund, du hast den Bayern ihren Stolz genommen und dem Freistaat seinen Nimbus“, sagt der einst von Stoiber aus dem Amt gejagte Minister.

Der viel Gescholtene macht bei dem ungewöhnlichen Treffen allerdings nicht unbedingt den Eindruck, als hätte er wirklich verstanden, was die Stunde schlägt. „Ich bin bereit, Euch zuzuhören. Ich verdanke der Fraktion alles“ - mit diesen Worten wirbt Stoiber um neues Vertrauen. Aber vielen Abgeordneten reicht das nicht. „Ich habe kein Signal gehört“, schäumt einer. „Er hat nicht kapiert, dass er sich erstmal entschuldigen muss.“

Die Parlamentarier verstehen nicht, warum Stoiber vor gut einer Woche das mühsam ausgehandelte Wirtschaftsministerium in Berlin einfach wieder ausgeschlagen hat und warum er den Abgang von SPD-Chef Franz Müntefering als Entschuldigung für seine Kehrtwende nimmt. Vor allem aber wollen sie eine neue Art der Zusammenarbeit, wenn Stoiber nun denn schon in Bayern bleibt. „Der Machtanspruch der Staatskanzlei war für viele eine echte Provokation“, sagt ein Führungsmann.

Wie dramatisch der Ansehensverlust des Regierungschefs ist, machen gerade die Äußerungen seiner engsten Weggefährten hinter verschlossenen Türen deutlich. So vergleicht etwa der bayerische Wirtschaftsminister Otto Wiesheu die Lage jetzt mit der Situation der Partei 1993, als die CSU nach dem erzwungenen Abtritt des damaligen Ministerpräsidenten Max Streibl dramatisch an Boden verloren hatte.

Für einen Paukenschlag am Rande sorgte der sonst eher zurückhaltende Abgeordnete Thomas Obermeier, als er in seinem Heimatblatt „Donaukurier“ einen Rücktritt Stoibers vom CSU-Vorsitz vorschlug. So weit dürfte es nach Einschätzung führender Parteistrategen zumindest derzeit nicht kommen - schon deshalb, weil kein geeigneter Nachfolger in Sicht ist.

Nach der fünfstündigen Aussprache war es an Fraktionschef Joachim Herrmann, vor der Presse versöhnliche Worte zu finden. Die Fraktion habe Stoiber um Teamarbeit gebeten, sagte Herrmann, und: „Wir wollen mit Edmund Stoiber das Vertrauen und die Herzen der Menschen gewinnen. Wir wollen als Team mit Edmund Stoiber weiter erfolgreich die Zukunft gestalten.“

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