Dating-App „Tinder“
Herzklopfen im Wahlkampf

Bisher wird beim Dating-Portal „Tinder“ vor allem um Zuneigung und Zärtlichkeiten gekämpft. Doch bald könnte es hier auch um Wählerstimmen gehen. Wie Parteien einsame Bürger für sich gewinnen wollen.

DüsseldorfPolitiker tun im Wahlkampf einiges, um mit dem Wähler in Kontakt zu kommen: Sie besuchen Volksfeste, putzen Klinken und haben in jüngerer Vergangenheit auch die Vorzüge von sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter für sich entdeckt.

Eher nicht zum Schlachtfeld gehörten bisher Dating-Portale. Doch das könnte sich ändern: In mehreren Ländern haben Politiker Versuche gestartet, mithilfe des sehr erfolgreichen Kuppeldienstes „Tinder“ Wähler zu werben.

Das Prinzip von „Tinder“ ist simpel: Der liebeshungrige Interessent lädt sich das Programm auf sein Smartphone und erstellt ein Profil. Im Anschluss bekommt er – nach Meinung von „Tinder“ – passende Profile aus seiner Umgebung angezeigt. Nun kann er sich entscheiden, ob ihm das Gezeigte gefällt oder nicht. Wenn sich zwei Nutzer gegenseitig interessant finden (also ein sogenanntes „Match“ sind) können sie dann Nachrichten austauschen und vielleicht miteinander glücklich werden.

Wer sich nun auf diesem Wege im September auf die Balz begab und zufällig im Raum Bern unterwegs war, ist eventuell auf das Profil von Aline Trede gestoßen. Trede war aber nicht auf der Suche nach Bekanntschaften, sondern auf der Suche nach Wählern, unter dem Motto „Grünes Herz. Gegen Rechts“ (ein grünes Herz bedeutet bei „Tinder“, dass einem das Profil eines anderen Nutzers gefällt). Im Kampf darum, ihren Platz im Schweizer Nationalrat zu verteidigen, hat die Grünen-Politikerin diesen ungewöhnlichen Kommunikationsweg gewählt. Die Schweiz wählt am Sonntag ein neues Parlament. „Bei Tinder geht es um Köpfe, nicht um Produkte“, sagt der Politikberater Johannes Hillje dem Handelsblatt, der hinter der ungewöhnlichen Idee steckt. Deswegen eigne sich das Programm durchaus für den Wahlkampf. Und die Zahlen scheinen ihm Recht zu geben. Innerhalb von einer Stunde bekam Aline Trede 30 „Matches“. „Die Reaktionen der anderen Nutzer waren überwiegend positiv“, sagt Hillje.

Irgendwem muss die Zweckentfremdung des Portals aber wohl doch nicht gepasst haben. Nach gerade einmal einem Tag sperrte „Tinder“ das Profil nämlich; mit Verweis auf die Beschwerden anderer Nutzer. Ob sich dahinter der politische Gegner oder doch nur ein enttäuschter Single versteckt, darüber kann man nur spekulieren. Bis heute haben weder die Schweizer Grünen noch Johannes Hillje eine genauere Erklärung für die Sperrung bekommen, auch auf eine Handelsblatt-Anfrage reagierte „Tinder“ nicht.

Vielleicht sollten die amerikanischen Köpfe hinter der App darüber nachdenken, wie sie die Vermischung von Politik und Dating in ihrer App handhaben wollen. Denn nicht nur Aline Trede hat sich bei Tinder versucht, auch in Österreich, Spanien, den Niederlanden und Kanada kaperten Politiker bereits das Portal. Ist die Fusion aus Wahlkampf und Partnersuche also die Zukunft?

Eher nicht, meint der deutsche Politikwissenschaftler und Wahlkampf-Experte Frank Brettschneider. „Hier dringen Parteien in einen Bereich ein, den Nutzer als privat wahrnehmen“, sagt er: „Da haben sie nichts zu suchen. Und es wirkt aufdringlich.“ Im deutschen Raum erwartet er den Einsatz von Dating-Apps in absehbarer Zeit nicht. Die deutschen Parteien hätten ohnehin vergleichsweise wenig Social-Media-Aktivitäten. „Und wenn, dann sind es die üblichen Aktivitäten wie Facebook und Youtube“, sagt Brettschneider.

Aufmerksamkeit bringt der Wahlkampf über „Tinder“ aber in jedem Fall. Mehrere Medien griffen die Story von Aline Tredes Wahlkampf auf. „Viel Wirkung für wenig Aufwand“, fasst Johannes Hillje die Aktion zusammen. Aus Deutschland hat er aber auch noch keine Anfragen bekommen. Die deutschen Parteien scheinen den Kampf um die Herzen der Wähler nicht über Dating-Portale führen zu wollen. Ein SPD-Sprecher erklärt, dass für seine Partei „eine Präsenz auf Flirt-Portalen nicht in Frage komme“. Auch bei der CDU gibt es keine Überlegungen in die Richtung.

Lars-Thorben Niggehoff
Lars-Thorben Niggehoff
Handelsblatt / Freier Mitarbeiter
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