Debatte um Kursschwenk
Das Ende der Bescheidenheit

Die Konjunktur lahmt, doch die Gewerkschaften fordern Lohnerhöhungen von über sechs Prozent. Deutschland steht eine hitzige Debatte bevor. Dabei geht es um die Frage, was ein gerechter Lohn ist.
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BerlinVerdi-Chef Frank Bsirske ist nicht der weitsichtigste, aber der lautstärkste deutsche Gewerkschaftsboss. Es müsse Schluss sein mit einer Lohnpolitik, die sich "verfehlten Spardiktaten" unterordne, sagte er kürzlich. So gehe es nicht weiter: "Wir wollen ein gemeinsames starkes Zeichen setzen für Lohnerhöhungen in Deutschland."

Damit begründete Bsirske nicht nur die neue Tarifforderung im öffentlichen Dienst - Verdi verlangt für die zwei Millionen Beschäftigten von Kommunen und Bund mindestens 6,5 Prozent mehr Geld. Er verkündete damit auch eine Art übergeordnete Mission: Verdi kämpfe nun Seit' an Seit' mit der IG Metall und anderen Gewerkschaften für einen generellen Kurswechsel: weg von der Lohnzurückhaltung und hin zu stärkeren Lohnsteigerungen in Deutschland.

Tatsächlich hat das Frühjahr 2012 alles, was eine wuchtige Tarifbewegung benötigt: In einer Serie von Tarifrunden werden binnen weniger Wochen die Löhne von fast acht Millionen Arbeitnehmern neu verhandelt. Allein in der Metall- und Elektroindustrie geht es um 3,6 Millionen Arbeitnehmer, für die die IG Metall 6,5 Prozent verlangt.

Bsirske und IG-Metall-Chef Berthold Huber bekommen dabei auch Rückhalt aus der Politik: Obwohl der Konjunkturaufschwung gerade abflaut, macht sich Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) für kräftige Zuschläge stark. Nach der "Lohnzurückhaltung" in der Krise müssten die Arbeitnehmer jetzt an den "ordentlichen Gewinnen" der deutschen Wirtschaft beteiligt werden, ließ Bundesarbeitsministerin Leyen über "Bild am Sonntag" die Tarifpartner wissen.

So deutlich hat sich lange kein Regierungsmitglied mehr in Lohnrunden eingemischt - und die Arbeitgeber irritiert. "Niemand muss uns belehren, was wir unseren Mitarbeitern schulden", entgegnete Martin Kannegiesser, Chef des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, im Handelsblatt. Verwundert reagierten auch die kommunalen Arbeitgeber. "Ich empfehle der Ministerin, sich damit an ihren Kabinettskollegen Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich zu wenden", sagte deren Verbandschef Thomas Böhle. Friedrich ist mit ihm Verhandlungsführer im öffentlichen Dienst. Er sei "sehr gespannt", ob die Regierung "auch bereit wäre, die zusätzlichen Personalkosten der Kommunen zu refinanzieren", sagte Böhle.

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  • ür die Beamten ist kein Geld mehr da, alles verschleudert, keine Beiträge für die Alterssicherung beiseite gelegt, man wollte nur billige Arbeitskräfte, dehnen man keine Sozialbeiträge bezahlen muss. Die Kasse ist leer.

  • Nachdem soviel an Steuergeldern verschleudert wird an ehemalige Bundespräsidenten, zur EUR-Rettung und wa sons tnoch alles aus der Staatskasse finanziert wird ist es vollkommen in Ordnung, dass die bescheiden bezahlten Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes deutlich mehr bekommen diese Tarifrunde.

    Denn die leisten auch einen vielfach guten Dienst in der öffentlichen Hand.

    Das wäre gerecht! Verdi soll jetzt kämpfen für mehr Gerechtigkeit.

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