Demographischer Wandel
Neue Rentner fordern Firmen heraus

In der deutschen Wirtschaft herrscht Nachholbedarf. Die Unternehmen müssen mehr tun, um ihre Personalpolitik auf den demografischen Wandel einzustellen.

LONDON/PARIS. Die meisten Firmen haben zwar erkannt, dass sie bald viel stärker auf ältere Arbeitnehmer angewiesen sein werden, stellen sich jedoch zu langsam auf deren Bedürfnisse ein. Das zeigt eine internationale Vergleichsstudie, die die Bankengruppe HSBC gestern in London vorgestellt hat. Die Umfrage in 20 Staaten belegt, dass die Beschäftigten bereit sind, mehr Verantwortung für die Altersvorsorge zu übernehmen, aber sich ein Ende starrer Ruhestandsregeln wünschen.

Die laut HSBC bisher umfangreichste Studie zum Thema Rente ist gemeinsam mit der Universität Oxford, dem Forschungsinstitut Age Wave und der Meinungsforschungsfirma Harris Interactive entstanden. Für sie wurden 21 000 Beschäftigte und 6 000 Personalmanager befragt.

Die Personalmanager zeichnen ein sehr positives Bild älterer Arbeitnehmer. Sie stufen sie nicht nur als loyal und verlässlich ein, sondern auch als mindestens genauso motiviert und produktiv wie jüngere Kollegen. 64 Prozent der deutschen Unternehmen sehen danach die Rente vor allem als Verlust wertvoller Erfahrungen. Im Gegensatz dazu steht aber ihr Verhalten: 53 Prozent der deutschen Personaler sagen, sie sähen keinen Bedarf, mehr Ältere zu beschäftigen – so hoch ist der Anteil in keinem anderen Land.

» Infografik: Die Demographie-Falle

Die Unternehmen hätten im Prinzip erkannt, dass sie mehr für ältere Arbeitnehmer tun müssten, doch sie hielten aus Gewohnheit am Jugendkult fest, sagt Ken Dychtwald, Chef von Age Wave. Ein Umdenken ist allerdings zu erkennen. So kündigte jüngst BP-Chef Lord Browne an, der Ölkonzern wolle älteren Arbeitnehmern ermöglichen, über die Ruhestandsgrenze hinweg Projektarbeit zu leisten. Er bezeichnete das gesetzliche Rentenalter als „Verschwendung von Talent“.

Damit trifft er den Nerv der Menschen, wie die Studie zeigt. Die Mehrheit will im Ruhestandsalter flexibel arbeiten – in Schwellenländern eher, um Geld zu verdienen, in Deutschland vor allem, um fit und geistig aktiv zu bleiben. Ein ähnliches Ergebnis brachte jüngst auch eine Umfrage des Versicherungskonzerns Axa unter 6 915 Menschen in elf Ländern. Sie wollten zwar gern früher in Rente gehen, doch nach Beginn des Ruhestands weiter teilweise arbeiten – in Deutschland wünscht das ein gutes Drittel. Zugleich sind die Menschen bereit, selber den Hauptanteil zur Finanzierung der Rentenlücken beizutragen. In der HSBC-Studie erwies sich, dass die Deutschen besonders stark für eine zusätzliche private Vorsorge plädieren.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%