Der Herbst der Reformen
Protokoll einer Entfremdung

Rente, Steuern, Arbeitsmarkt – warum es der SPD im Herbst der Reformen so mies geht. Eine Spurensuche zwischen Plenarsaal, Besucherbänken und Vorspeisenbuffet.

BERLIN. Manchmal ist es ein gutes Gefühl, der Politik aufs Dach zu steigen. Langsam schrauben sich die beiden Claudias aus Dresden in der Kuppel des Reichstages nach oben, bis nur noch der Himmel und ein Taubennetz über ihnen sind. „Das sind doch alles Streitereien, immer dieses Hin und Her“, sagt der eine blonde Pferdezopf. „Die zerfetzen sich nur“, ergänzt der andere.

Der Blick nach draußen über Berlin bleibt irgendwo im Nebel des Herbstmorgens hängen. Die Sonne wird es an diesem Tag nicht schaffen durchzudringen. Wenn sie steil nach unten schauen, sehen sie in den Plenarsaal, sie können einen Blick auf den Kanzler erhaschen, und Frau Merkel ist auch da. Gerade ist an diesem Donnerstag die Abstimmung über die Nullrunde für die Rentner im kommenden Jahr beendet, es ist Bewegung im Raum, viele Abgeordnete entfernen sich. Zu hören ist von hier oben nichts.

Die beiden Claudias, 18 und 20 Jahre alt, sind ganz früh aufgestanden und mit 43 anderen Auszubildenden der Stadt Dresden per Bus nach Berlin gefahren. Heute steht die große Politik auf dem Lehrplan. Sie haben auf den Besucherbänken des Bundestags gesessen, mit der Ermahnung des Saalordners versehen: „Nicht essen, nicht lesen, nicht schlafen“. Sie haben den SPD-Fraktionsvorsitzenden Franz Müntefering reden hören: „Es kommt darauf an, dass wir eine handlungsfähige Opposition haben, die die Sachen nicht verschleppt.“ Sie haben die Antwort der Fraktionsvorsitzenden der Union, Angela Merkel, vernommen: „Man muss schon tief in der Patsche sitzen, um die Tatsachen so zu verdrehen, wie Sie das machen.“ Und nachher werden sie auch noch ein Ministerium besuchen. Doch schon jetzt wissen sie: „Das Beste an dem Tag wird die Heimfahrt.“ Dabei kichern sie.

Die Reformfalle, in der die SPD sitzt, materialisiert sich nicht nur in miserablen Umfragewerten wie jenen 23 Prozent, die der SPD nach der jüngsten Forsa-Umfrage ihre Stimme geben würden. Sie schlägt auch um in eine Ablehnung des Politischen überhaupt. Zum Beispiel bei zwei Dresdner Mädchen, die etwa genauso revolutionär daherkommen, wie man sich das bei Auszubildenden der Kommunalverwaltung erwarten darf.

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