Deutsche Einheit
Die Mauer in zwei Köpfen

Pünktlich zum Mauerfall-Jubiläum streiten Franzosen und Briten darüber, wer 1989/90 die deutsche Einheit mehr fürchtete: François Mitterrand oder Margaret Thatcher. Es geht um Hitlervergleiche, Geheimakten und die nationale Ehre.

LA COUNEUVE/DÜSSELDORF. Der Mann, der die Ehre der Grande Nation wiederherstellen soll, ist 59 Jahre alt, trägt einen grauen Tweedanzug, und seine vollen, grau melierten Haare winden sich raus aus dem Seitenscheitel. An einer Schnur tanzt die Lesebrille über seine Brust, wenn er die Arme beim Reden dazunimmt.

Wer zu Jean Mendelson will, der muss durch eine Türschleuse fast wie in einem Kernkraftwerk. Sonst lässt er niemanden in seine Schatzkammer. Dies ist hier schließlich keine banale Stadtbibliothek, sondern das Archiv der französischen Diplomatie in La Courneuve vor den Toren von Paris. Geheimdepeschen zu Hunderttausenden lagern hier, manche noch von Napoleon. Mehrere Jahrhunderte Krieg, Frieden, Verrat und Finten sind dokumentiert, sortiert, konserviert und katalogisiert. Mendelson ist hier der Chef.

Auf ihn kommt es nun an. Er, der Bibliothekar, soll den frechen Versuch der Geschichtsklitterung, der da kürzlich aus London bekannt wurde, zurechtrücken. Mendelson soll klarmachen, wer 1989 und 1990, nachdem die Mauer gefallen war, wirklich half, Deutschland zu vereinigen - und wer eben nicht so hilfsbereit war. Mendelson soll die Debatte ein für alle Mal für François Mitterrand entscheiden - und gegen Margaret Thatcher.

Mendelson geht voran. Er führt weiß getünchte Gänge entlang durch Feuerschutztüren, die jedes Mal warnend piepen, wenn sie offen stehen. In einem fensterlosen Raum bleibt er stehen und deutet auf den Ehrenbeweis: sechs Regalmeter Dokumente der französischen Diplomatie aus der Zeit zwischen 1986 und 1990.

Eigentlich sollten die Akten noch fünf Jahre geheim bleiben. 25 Jahre beträgt in Frankreich die Schamfrist, um Ex-Präsidenten peinliche politische Enthüllungen zu ersparen. Aber Mendelson darf seine Pretiosen nun schon früher präsentieren. Wegen des Mauerfall-Jubiläums - und wegen der übereifrigen Freunde in London.

Denn, wie gesagt, es gilt da noch etwas zu klären.

An sich galten die Rollen von Frankreich und Großbritannien im deutschen Einigungsprozess als ausgeleuchtet. Präsident Mitterrand zauderte einige Monate lang nach dem Mauerfall. Schließlich fand er sich jedoch mit der Idee eines vereinten Deutschlands ab und blieb ein verlässlicher Partner für Kanzler Helmut Kohl. Großbritanniens Premierministerin Thatcher hingegen hielt ein vereintes Deutschland bis weit ins Jahr 1990 hinein für einen Alptraum, und sie ließ das auch öffentlich immer wieder durchblicken.

Also alles klar? Mitnichten.

Im September rüttelten die Briten an Mitterrands Redlichkeit. Das Außenministerium in London veröffentlichte - weit vor der eigenen 30-Jahre-Frist - 600 Aktenseiten aus dem Epochenjahr 1989/90. Ein paar Dokumente landeten vorab bei einer großen britischen Zeitung, und die berichtete prompt auf Seite eins, Mitterrand habe der deutschen Einheit viel skeptischer gegenübergestanden als bisher bekannt.

Da ist etwa der Bericht über ein Mittagessen Mitterrands mit Thatcher im Elysée-Palast am 20. Januar 1990. Mitterrand soll gesagt haben, die Aussicht auf die Vereinigung habe die Deutschen wieder zu jenen "bösen" Deutschen werden lassen, die sie einst gewesen seien. Durch eine Vereinigung könnten sie "mehr Territorium gewinnen, als sie unter Hitler je hatten". Ein Berater Thatchers notierte: "Wenn ich jemals einen Menschen in Panik sah, dann war es Mitterrand im zweiten Halbjahr 1989."

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