„Deutschland hat ein Lohnkostenproblem“
Sinn plädiert für 42-Stunden-Woche

Eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit in Deutschland um etwa vier Stunden könnte Deutschland nach Einschätzung des Ifo-Präsidenten Hans-Werner Sinn bei den Lohnkosten wieder in eine international wettbewerbsfähigere Position bringen.

Reuters BERLIN. „Deutschland hat ein Lohnkostenproblem“, schrieb Sinn in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Mittwochausgabe). Die Stundenlöhne der deutschen Industriearbeiter seien nach einem Anstieg um knapp 40 % in den vergangenen 20 Jahren weltweit die höchsten und hätten Wettbewerbsfähigkeit gekostet. Um Deutschland zumindest gegenüber einem Land wie den Niederlanden wieder auf ein vergleichbares Niveau zu bringen, bedürfe es einer Lohnkostensenkung um die 12 % pro Stunde. Erreicht werden könnte das auf verschiedenen Wegen, die jedoch zum Teil politisch nicht durchsetzbar erschienen. So verbleibe eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit um etwa vier Stunden pro Woche als die sinnvollste Möglickkeit, was für die meisten Arbeitnehmer eine Wochenarbeitszeit von 42 Stunden nach bislang 38 Stunden bedeuten würde.

„Das ist kein Beinbruch. Es bringt die Arbeitszeit auf das Niveau zurück, das sie vor zwangig Jahren inne hatte“, schrieb Sinn. Zudem würde Deutschland mit einem solchen Schritt keinesfalls international eine Extremposition einnehmen. Derzeit habe Deutschland die drittniedrigste Jahresarbeitszeit unter den OECD-Ländern. Wenn die Deutschen 11 % mehr arbeiteten, würden sie mit 1 628 Arbeitsstunden pro Jahr im guten Mittelfeld rangieren und immer noch weniger arbeiten als etwa Briten, Iren, Spanier und Finnen. „Wir hätten ungefähr das italienische Niveau erreicht, und das ist ja bekanntlich noch mit dem Dolce Vita kompatibel“, schrieb der Wirtschaftswissenschaftler.

Sinn: Es gibt auch andere Möglichkeiten

Das genannte Ziel einer Lohnkostenverminderung um rund 11 % könnte nach Sinns Worten aber auch knapp erreicht werden, wenn die Arbeitgeberbeiträge für die Renten-, die Arbeitslosen- und die Pflegeversicherung den Arbeitnehmern angelastet würden. Es könnte sogar gut erreicht werden, wenn die Arbeitnehmer die Arbeitgeberbeiträge für die Renten- und die Krankenversicherung übernähmen. Ein anderer Weg wäre, wenn die Lohnsteigerungen elf Jahre lang um einen Prozentpunkt unter dem Produktivitätsanstieg blieben. Doch das seien Ideen, mit denen sich die Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften kaum anfreunden könnten.

Auch Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) hatte in jüngster Zeit Wettbewerbsnachteile Deutschlands durch die vergleichsweise geringe Arbeitszeit betont. Sein Vorschlag, arbeitsfreie Feiertage in Deutschland zur Disposition zu stellen, war allerdings auf heftigen Widerspruch gestoßen.

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