Die SPD spielt in der K-Frage mit verdeckten Karten
Der schwierige Weg zum guten Abgang

Eines scheint sicher: Am Montag wird Gerhard Schröder seinen Verzicht auf das Kanzleramt nicht erklären. "Absoluter Unsinn und Quatsch" seien entsprechende Spekulationen, beteuerte gestern ein Regierungssprecher. Das Dementi klingt umso überzeugender, als ausgerechnet CSU-Landesgruppenchef Michael Glos das Gerücht vom Rücktritt des Kanzlers am Nationalfeiertag in die Welt gesetzt hat.

HB BERLIN. Doch ansonsten rätselt nicht nur die Union über die Strategie der SPD in der K-Frage. Offiziell gilt die gestern von Parteichef Franz Müntefering erneut verkündete Linie: "Wir wollen regieren mit Gerhard Schröder als Kanzler." Gleichzeitig haben in den vergangenen Tagen zahlreiche Genossen mehr oder weniger offen eingeräumt, dass der Führungsanspruch wohl nicht durchzusetzen sei.

Dazu, so heißt es, habe Schröder mit seinem arroganten Auftritt am Wahlabend, der ihn Sympathien kostete, auch selbst beigetragen. Der Kanzler hat den Fehler eingesehen. Gleichzeitig hält er sich zugute, mit dem massiv formulierten Machtanspruch erst ermöglicht zu haben, dass die SPD nun "auf Augenhöhe" mit der Union verhandeln kann. Regieren würde er immer noch gerne, zumal er als Chef einer großen Koalition endgültig zum Reformkanzler werden würde, heißt es in seiner Umgebung. Doch im Wege werde er dem Bündnis sicher nicht stehen.

Was kann er seiner Partei also noch bringen? In der Regierung überwiegt die Einschätzung, dass die SPD den Trumpf seiner Person auf keinen Fall zu schnell aus der Hand geben sollte. Für den Kopf des Kanzlers solle die Union einen hohen Preis zahlen. Sollte das Bündnis am Ende doch noch scheitern, so der warnende Hinweis, bräuchte die SPD im Übrigen Schröder wieder als Zugpferd im Wahlkampf.

Doch Schröder will auch nicht am Ende von Parteigenossen aus dem Amt gejagt oder allzu offensichtlich "geopfert" werden. Die Absetzbewegungen der vergangenen Tage vom Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit bis zum saarländischen Landeschef Heiko Maas müssen ihn beunruhigen. Keinesfalls will Schröder, der sich selbst die Herbeiführung der vorgezogenen Neuwahlen zugute hält, als "Pattex-Kanzler" gelten. Dieser Eindruck könnte aber entstehen, je länger das Personalpoker dauert.

Es geht also um einen Abwägungsprozess: Wie lange kann man mit dem Führungsanspruch pokern, wann wird er zur Belastung? Während der derzeitigen Sondierungsgespräche mit der Union bestehe kein Handlungsdruck, heißt es in SPD-Kreisen: "Doch das könnte sich schon in der nächsten Woche ändern." Nach einem weiteren Treffen am Mittwoch steht nämlich bald die Entscheidung an, ob SPD und Union formelle Koalitionsverhandlungen aufnehmen. Als Voraussetzung dafür verlangt die Union den Amtsverzicht Schröders.

Auch in der SPD wird eingeräumt, die Personalfrage könne durchaus "recht bald" geklärt werden. Doch ist damit nicht unbedingt der Abgang des Kanzlers gemeint. Schröder erhält nämlich überraschend Rückendeckung aus der oft widerspenstigen SPD-Fraktion. Die Basis begehrt zu Gunsten des Kanzlers auf: "Definitiv" werde man Merkel nicht wählen, verkündet der konservative Seeheimer Kreis: "Wir werden auf Schröder nicht verzichten." Die 80 Abgeordneten verlangen eine Rochade: zwei Jahre Schröder - zwei Jahre Merkel.

So etwas Ähnliches mag Schröder gestern geahnt haben. Bei einem Firmenbesuch sagte er: "Diejenigen, die sich freuen, sollen sich freuen, aber sollen aufpassen, dass die Freude nicht zu früh kommt."

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