DIHK-Vorschlag in der Kritik
"Weiterbildung ist kein Privatvergnügen"

Mit dem Vorstoß, dass Arbeitnehmer sich in ihrem Urlaub weiterbilden sollten, trifft der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) bei SPD-Bildungsexpertin Ulla Burchardt auf wenig Gegenliebe. Sie hält den Vorschlag für eine Zumutung. Weiterbildung sei schießlich kein Privatvergnügen. Auch die Bundesagentur für Arbeit sieht die Unternehmen in der Pflicht.

HB FRANKFURT/MAIN. Die Vorsitzende des Bildungsausschusses im Bundestag, Ulla Burchardt (SPD), wies den Vorschlag in der „Frankfurter Rundschau“ als Zumutung zurück: „Zuerst drückt sich die Wirtschaft vor ihrer eigenen Pflicht zur Qualifizierung, und jetzt sollen das die Arbeitnehmer auch noch selber ausbaden.“

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Martin Wansleben, hatte am Freitag erklärt, die Arbeitnehmer müssten, gerade auch vor dem Hintergrund des drohenden Fachkräftemangels, mehr Ferien- und Freizeit in ihre Weiterbildung investieren: „Wir haben zusammen mit Schweden die meisten Urlaubs- und Feiertage - da ist genug Luft für beides: Erholung und Weiterbildung.“

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) kritisierte unterdessen die berufliche Weiterbildung in deutschen Unternehmen als nicht ausreichend. Es seien nur 50 Tage im gesamten Berufsleben, die ein Beschäftigter in Deutschland durchschnittlich für Weiterbildung aufwende, sagte BA-Vorstandsmitglied Raimund Becker der „Frankfurter Rundschau“. Das sei halb so viel wie die Franzosen, Dänen und Schweizer. Hinzu komme, dass ein Drittel dieser Weiterbildungszeit hierzulande in Perioden der Arbeitslosigkeit stattfinde.

Die BA unterstütze die Weiterbildung in den Betrieben mit insgesamt 200 Mill. Euro, sagte Becker: „Davon sind bis zum Juli aber nur 5,4 Mill. abgerufen worden.“ Der Experte forderte angesichts des Fachkräftemangels in einigen Branchen, der steigenden Anforderung in den Berufen und der demographischen Entwicklung höhere Investitionen in die Weiterbildung: „Ohne Gegensteuern wird es langfristig mehr Langzeitarbeitslose bei gleichzeitigem Mangel an Fachkräften geben.“

Die SPD-Politikerin Burchardt sagte, Weiterbildung sei kein Privatvergnügen, sondern bislang vernachlässigte Aufgabe der Arbeitgeber und müsse mehr als bisher in öffentlicher Verantwortung stehen: „Das bedeutet eine solidarische Finanzierung nicht nur über Arbeitnehmerbeiträge, sondern auch über Steuern und Leistungen der Arbeitgeber.“ Die Arbeitslosenversicherung müsse zur Beschäftigungsversicherung umgebaut werden.

„Nach österreichischem Vorbild brauchen wir auch in Deutschland eine gesetzliche Regelung zur so genannten Bildungskarenz, bei der der Arbeitnehmer zur Teilnahme an einer Weiterbildungsmaßnahme freigestellt wird“, sagte die SPD-Politikerin. Die Bildungskarenz könne zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber für mindestens drei Monate bis maximal zwölf Monate vereinbart werden. Arbeitnehmer benötigten verpflichtende Weiterbildungszeiten und einen Rechtsanspruch auf ein regelmäßiges Personalentwicklungsgespräch für alle Beschäftigten.

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