DIW-Studie
Besserverdiener halten ihr Gehalt für zu niedrig

Zahlreiche Studien haben in den vergangenen Monaten eine wachsende "soziale Schieflage" in Deutschland bemängelt. Auch das DIW bestätigt diese Entwicklung in einer neuen Erhebung. Brisantes Detail: Gerade Besserverdiener empfinden ihr Einkommen zunehmend als ungerecht. Die Forscher warnen die Unternehmen vor schwerwiegenden Folgen.

DÜSSELDORF. Immer mehr Deutsche empfinden ihr Einkommen als ungerecht. Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hielt im Jahr 2007 ein Drittel der Erwerbstätigen ihr Gehalt für zu niedrig. Bei einer früheren DIW-Erhebung aus dem Jahr 2005 waren es nur ein Viertel der insgesamt 10 000 Befragten.

Vor allem im mittleren und oberen Einkommensbereich wächst demnach die Unzufriedenheit. Gerade die Erwerbstätigen mit einem Bruttoeinkommen von 3000 Euro zeigten sich unzufrieden mit ihrem Verdienst: 2005 waren es 21 Prozent, 2007 schon 36 Prozent. Auch besser Verdienende mit einem Bruttoeinkommen von 5400 Euro halten ihr Gehalt für zu niedrig. Hier verzeichnete das DIW einen Anstieg der Unzufriedenheit um sieben Prozent.

Am unteren Ende der Gehaltsskala ist hingegen das Gefühl, ungerecht entlohnt zu werden, nicht weiter gewachsen. "Offensichtlich plagt vor allem die Mittelschicht die Angst vor dem Abrutschen", sagt Jürgen Schupp, Verfasser der DIW-Studie. Immer mehr Menschen bekämen den Eindruck, dass hoher Arbeitseinsatz und Fleiß nicht unbedingt gute Einkommen sichern."

Insbesondere Angestellte in Facharbeiterpositionen bewerten laut DIW ihr Einkommen als ungerecht. Schupp weist zudem darauf hin, dass die Unzufriedenheit in Westdeutschland schneller ansteigt als im Osten. Auch sei das Ungerechtigkeitsempfinden bei Männern stärker gewachsen als bei Frauen.

Laut DIW hat diese Entwicklung bedeutsame ökonomische und betriebswirtschaftliche Folgen. Es bestehe ein Zusammenhang zwischen individuell empfundener Ungerechtigkeit und krankheitsbedingten Fehltagen. "Wer unzufrieden ist, meldet sich öfter krank", so Schupp. "Glauben die Arbeitnehmer, bei ihnen komme der Aufschwung nicht an, entstehen den Betrieben Nachteile in Form von vermindeter Arbeitsleistung." Volkswirtschaftlich negativ wirkte sich die damit verbundene Inanspruchnahme von Leistungen der sozialen Sicherheitssysteme aus.

Dass die offiziellen Krankenstandmeldungen eine gegenteilige Entwicklung zeigen, lässt Schupp nicht gelten. Im Rahmen der Karenz zeige diese nie die vollständigen Fehlzeiten auf, so Schupp. "Hier wird erst ab dem dritten Fehltag gezählt, unsere Studie berücksichtigt bereits den ersten."

Nach den jüngsten Statistiken des Bundesgesundheitsministeriums bewegt sich der Krankenstand auf niedrigem Niveau. In den in den ersten sechs Monaten dieses Jahres waren demnach rund 3,34 Prozent der pflichtversicherten Mitglieder arbeitsunfähig. Das ist zweitniedrigste Halbjahreswert seit Einführung der Lohnfortzahlung im Jahr 1970 und ein Rückgang um 20 Prozent gegenüber dem Beginn dieses Jahrzehnts (2000: 4,42 Prozent).

Trotzdem bleibt das DIW bei seiner These: Empfundene Lohn-Ungerechtigkeit hat Folgen für die Leistungsbereitschaft. "Menschen, die ihr Einkommen für ungerecht halten, sind im Schnitt 2,5 Tage länger krank als jene, die ihr Gehalt als angemessen empfinden", sagt Schupp.

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