Doppelspitze aus „Traditionalist“ und „Modernisierer“
IG Metall will Schlussstrich unter Krise ziehen

Der gescheiterte Streik für die 35-Stunden-Woche im Osten, der bittere Streit um die Schuld an dem Debakel und schließlich der vorzeitige Abgang ihres Vorsitzenden Klaus Zwickel im Zorn - all so etwas hatte die weltgrößte Industriegewerkschaft mit ihren immer noch 2,5 Millionen Mitgliedern noch nie erlebt. Der vorgezogene Gewerkschaftstag soll einen Neuanfang bringen.

HB/dpa FRANKFURT/MAIN. Einziger Tagesordnungspunkt für die rund 600 Delegierten ist von Freitag an die Wahl eines neuen Vorstandes. Dabei gehört es zu den Besonderheiten der IG Metall, dass nun über ein Personalpaket abgestimmt wird, als wenn es das Streikdebakel nie gegeben hätte.

Das Amt des Ersten Vorsitzenden soll - wie schon im April beschlossen - der bisherige Vize Jürgen Peters übernehmen, einer der Hauptverantwortlichen für die misslungene Streikstrategie. Neuer Vize soll der Stuttgarter Bezirksleiter Berthold Huber werden, der zwischenzeitlich schon einmal abgesagt hatte. Auf diese Doppelspitze aus „Traditionalist“ und „Modernisierer“ konnte sich der IG-Metall- Vorstand schließlich erst nach langen Krisensitzungen einigen.

Möglicherweise kommt es aber auch zu einer Kampfabstimmung: Der Porsche-Betriebsratsvorsitzende Uwe Hück will bis Mittwoch entscheiden, ob er gegen Peters für das Amt des Vorsitzenden kandidiert. Fraglich ist auch, wie der Rest des geschäftsführenden Vorstands - dem entscheidenden Gremium der IG Metall - besetzt wird. Als gesetzt gilt Hauptkassierer Bertin Eichler. Bei der Wahl der anderen vier geschäftsführenden Vorstandsmitgliedern wird das Lagerdenken eine große Rolle spielen.

Personalquälerei

Nur einer der vier, Wolfgang Rhode, gilt als „Traditionalist“. Deshalb tauchen seit einigen Tagen immer neue Namen von Peters- Anhängern auf, die angeblich kandidieren und das Kräfteverhältnis zu Gunsten des neuen Ersten Vorsitzenden verschieben wollen. In diesem Fall könnten sich dann wiederum die Huber-Anhänger herausgefordert fühlen und andere Kandidaten ins Rennen schicken. „Damit würde die ganze Personalquälerei von vorne beginnen und die Sache wird unkalkulierbar“, befürchtet ein Metaller.

Wie die Mehrheitsverhältnisse auf dem Gewerkschaftstag sein werden, kann kaum jemand abschätzen. Deshalb hoffen viele, dass Peters und Huber weiter zu dem Personalvorschlag des Vorstandes stehen und sie ihre Zusammenarbeit nicht gleich einer schweren Belastungsprobe unterwerfen. Nach all dem Streit die Sehnsucht nach Ruhe und Stabilität jedenfalls groß. Allerdings muss die IG Metall auch den Eindruck vermeiden, dass die Probleme unter den Teppich gekehrt werden sollen.

Vor allem das Streikdebakel in Ostdeutschland wird auf dem Frankfurter Kongress sicher noch einmal Thema werden. „Da werden viele noch einmal richtig Dampf ablassen“, meint ein Gewerkschafter. Ins Visier der Kritiker könnte dabei der ostdeutsche Bezirksleiter Hasso Düvel geraten. Trotz aller Vorwürfe hält er an seinem Posten bislang fest - auch wenn es mittlerweile aus seiner Umgebung heißt, der 58-Jährige denke schon seit längerer Zeit über den Vorruhestand nach.

"Spannende Zeit"

Der bisherige IG-Metall-Chef Zwickel wird dagegen nur noch als Gast neben seinen Vorgängern Franz Steinkühler und Hans Mayr Platz nehmen. Politische Prominenz wird diesmal nicht erwartet: Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), der mit seiner Kritik am Streik im Osten nicht hinter dem Berg gehalten hatte, kommt erst zum zweiten Teil des Gewerkschaftstages Mitte Oktober in Hannover. Erst dort soll es dann mit der Beratung von mehreren hundert Anträgen um die inhaltliche Arbeit gehen.

„Die wirklich spannende Zeit werden die nächsten zwei Jahre“, meint deshalb der Frankfurter Gewerkschaftsforscher Josef Esser. Dann erst werde sich zeigen, ob es der IG Metall gelinge, Konzepte für die Werbung neuer Mitglieder, eine differenzierte Tarifpolitik und den Umbau des Sozialstaats zu entwickeln. „Der Gewerkschaftstag ist eher eine symbolische Veranstaltung.“

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