Ein Blick zurück auf die erste große Koalition
Doppelpass statt Abwehrriegel

Das Jahr 1966 war ein Schicksalsjahr für Deutschland. Es war das Jahr, als der böse Russe den Deutschen Schmach zufügte. Er hieß Tofik Bachramow, war von Kopf bis Fuß auf Schwarz eingestellt und seines Zeichens Linienrichter. Im Fußball-WM-Endspiel England-Deutschland 1966 im Londoner Wembley-Stadion war er der Einzige, der in der 101. Minute den Ball hinter der deutschen Torlinie sah. "Oh Britannia, Britannia rules the world!" skandierten Englands Fans nach dem 4:2-Sieg. Als die Deutschen zu Hause eintrudelten, lag auch die Regierung Erhard geschlagen am Boden.

BERLIN. Geheime Sondierungsgespräche zwischen CDU und SPD hatten neue Ufer im Blick: die große Koalition. Am 1. Dezember war es so weit: Die große Koalition war abgemachte Sache. Der weiße Elefant, die absolute Ausnahme des bundesrepublikanischen Parlamentarismus, durfte bestaunt werden. 39 Jahre danach laufen in Berlin die Verhandlung zur zweiten großen Koalition an. Wieder wollen sich CDU und SPD die Macht teilen. Doch was 1966 eine konzertierte Antwort auf das Siechtum der CDU/FDP-Regierung war, ist heute dem Wahlergebnis geschuldet, das diese Konstellation fast erzwingt.

Im Rückblick auf die Verhandlungen zur ersten Elefantenhochzeit singen die Trauzeugen das hohe Lied auf die Anbahnung. Erhard Eppler, 79, damals Entwicklungshilfeminister: "Niemand stellte öffentlich Bedingungen. Jeder gab sich Mühe, eine Demütigung des anderen zu vermeiden. Hätte die Union, obwohl mit Abstand größte Fraktion, von der SPD verlangt, Erhard als Kanzler zu schlucken, wäre es nicht zur großen Koalition gekommen."

Rainer Barzel, 81, als CDU-Fraktionschef und Parteivize die zentrale Figur: "Es hat niemand die Bedingung an Willy Brandt gestellt: Du nimmst den Heinemann weg, und ich werde im Gegenzug . . . Das wäre ein offener Verstoß gegen die Würde des potenziellen Partners gewesen." Barzels Gegenüber in der SPD-Fraktion war Helmut Schmidt, der Bundeskanzler. Aus der Respektierung der Würde des anderen wurde ein eingespieltes Team, aus der großen Koalition eine lebenslange Freundschaft.

Wenn Barzel und Eppler jetzt am Anfang der Koalitionsverhandlungen in Berlin zurückschauen, drücken sie die gemeinsame Überzeugung aus: Vertrauen und Verlässlichkeit herrschten 1966 über Parteigrenzen hinweg - trotz vehementer politischer Unterschiede. Eppler: "Was in der Regierung gelang, wurde gestützt durch das Vertrauensverhältnis zwischen Schmidt und Barzel." Dieser bevorzugt das Wort Verlässlichkeit. "Es ist wichtig zu wissen, dass Schmidt und ich uns einige Zeit vorher kennen gelernt hatten und wir die Verlässlichkeit des anderen kannten", sagt Barzel.

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