Energiewende
Erdkabel – neues Problem oder Lösung?

Stromleitungen sollen künftig unter der Erde verschwinden. Die Idee soll die Akzeptanz der Energiewende erhöhen – und könnte sich doch um Jahre zurückwerfen. Netzbetreiber Tennet warnt außerdem vor Versorgungsengpässen.

BerlinDie Netzbetreiber warnen vor erheblichen Verzögerungen für Planung und Bau neuer Stromtrassen durch das von der Bundesregierung geplante Erdkabelgesetz. Das belegt die Stellungnahme des Übertragungsnetzbetreibers Tennet für die Anhörung des Wirtschaftsausschusses im Bundestag zum Erdverkabelungsgesetz am Mittwoch, die dem Handelsblatt vorliegt.

Wegen des geplanten Gesetzes, das Erdkabeln Vorrang vor Freileitungen einräumen soll, müsse der laufende Planungsprozess für Gleichstromtrassen „vollständig neu aufgesetzt werden“, heißt es in der Stellungnahme. „Diese Neuplanung führt zu einer zeitlichen Verzögerung von drei Jahren“, prognostiziert der Netzbetreiber.

Diese Verzögerung müsse wegen des Mangels an Kraftwerkskapazitäten im Süden Deutschlands „begrenzt und aufgeholt werden“. Tennet befürchtet, dass es anderenfalls zu Versorgungsengpässen in Süddeutschland kommen könnte. Um dies zu verhindern, muss nach Überzeugung von Tennet „die Planung und Genehmigung von Leitungsbauprojekten erheblich beschleunigt werden“, schreibt das Unternehmen in der Stellungnahme für den Wirtschaftsausschuss.

Angela Merkel (CDU), Horst Seehofer (CSU) und Sigmar Gabriel (SPD) hatten sich am 1. Juli darauf verständigt, beim Ausbau des Stromnetzes einen neuen Akzent zu setzen: Um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen, sollen die geplanten Stromautobahnen, die mit der in Deutschland bislang nicht gebräuchlichen Hochspannungsgleichstrom-Technik (HGÜ-Technik) arbeiten, überwiegend unter der Erde verschwinden. Freileitungen sollen bei HGÜ-Leitungen künftig die Ausnahme sein.

Allerdings waren die Freileitungen zuvor bereits gesetzlich beschlossene Sache. Für die jetzt beschlossene Erdverkabelung muss ein neues Gesetz her, zusätzlich muss die Planung neu aufgerollt werden. Hinzu kommt, dass die Erdverkabelung die Netzbetreiber vor erhebliche technische Herausforderungen stellt. Außerdem hat die Erdverkabelung eine Vervielfachung der Kosten zur Folge.

Tennet fordert verbindliche Fristvorgaben und Deckelungen der Verfahrenshöchstdauer für einzelne Teilschritte des Planungs- und Genehmigungsverfahrens. Die „sanktionslose Normierung von Fristen mit Appellfunktion für einzelne Teilschritte des Zulassungsverfahrens hat sich nicht als ausreichend erwiesen“, schreibt Tennet. Es müsse daher eine „verbindliche Deckelung der Verfahrenshöchstdauer“ eingeführt werden wie sie bei europäischen „Projects of common interest“ (PCI) bereits gelte.

Bei der Planung empfiehlt Tennet, eine geradlinige Streckenführung zu bevorzugen. Als Vorbild nennt Tennet die planerischen und baulichen Ansätze beim Bau von Erdgas-Pipelines, wo die Planungs- und Realisierungszeiten laut Tennet bei durchschnittlich fünf Jahren liegen. Bei Stromleitungen vergehen dagegen vom Beginn der Planung bis zum Abschluss des Vorhabens mitunter zehn Jahre und mehr.

Der Netzbetreiber warnt davor, die Erdverkabelung nicht nur bei Gleichstrom-Projekten, sondern auch bei Wechselstrom-Vorhaben zum Standard zu erheben. Die verfügbare Technologie entspreche „auch weiterhin nicht dem Stand der Technik“ und müsse daher zunächst auf Pilotverfahren beschränkt bleiben. Anderenfalls seien erhöhte Ausfallzeiten zu befürchten.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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