Ermittlungen wegen Betrug
Haderthauer verliert Rückhalt in den eigenen Reihen

Öffentlich angegriffene Personen, die Rückendeckung aus den eigenen Reihen bekommen, halten sich meist zurück und warten, bis der Rummel um ihre Person abgeklungen ist. Nicht so die Chefin der Bayerischen Staatskanzlei.
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MünchenIm Kampf um ihr Amt und ihre Karriere hat sich Bayerns Staatskanzleichefin Christine Haderthauer (CSU) für eine Strategie entschieden: Gegenangriff. „Die Empörungswelle und Skandalhysterie der letzten Wochen werden nach und nach in sich zusammenbrechen, weil sich herausstellen wird, dass nichts von alledem, was da so an Gerüchten und Verleumdungen in die Welt gesetzt wurde, zutrifft“, sagt sie am Dienstag vor einer Kabinettssitzung im Nürnberger Heimatministerium in die Fernsehkameras. Am Freitag hatte die Staatsanwaltschaft München II offizielle Betrugsermittlungen gegen die Ingolstädter CSU-Politikerin eingeleitet. Haderthauer ist bei ihren wenigen Sätzen die Anspannung anzumerken.

Doch ob der Gegenangriff die richtige Strategie ist, darf bezweifelt werden. Parteichef Horst Seehofer pflegt mit seinen mehr als drei Jahrzehnten Erfahrung in der Berufspolitik in solchen Krisen Offenheit gepaart mit Demut zu empfehlen. Doch Haderthauer will ganz offensichtlich nicht die Rolle der reuigen Sünderin spielen. Ihre frühere Beteiligung an der Firma Sapor Modelltechnik, die Modellautos psychisch kranker Straftäter verkauft hatte, sei kein fragwürdiges Geschäft gewesen, sondern ein „von Idealismus getragenes Engagement finanzieller Art“, konstatiert sie.

Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sagt anschließend, er habe die Äußerungen seiner Staatskanzleichefin nicht selbst gehört und könne sie auch nicht bewerten. Doch ist ihm anzumerken, dass ihm Haderthauers Strategie nicht passt: „Ich empfehle, da nicht viel drüber zu diskutieren, sondern zur Aufklärung beizutragen.“

Und er stellt Haderthauers Verbleib im Amt erstmals unter doppelten Vorbehalt: Der erste Faktor, den er nennt, ist der Ausgang des Ermittlungsverfahrens. Der zweite: eventuelle neue Enthüllungen. „Wenn etwas Neues auftaucht, was bisher nicht diskutiert wurde, von signifikantem Gehalt, dann wäre das ein Umstand, der einer neuen Bewertung zugeführt werden müsste.“

Neue Details tauchen derzeit täglich in den Medien auf. So weckt das Bayerische Fernsehen Zweifel an der Darstellung Haderthauers, es habe sich um ein „von Idealismus getragenes Engagement“ gehandelt. Demnach ging Haderthauers Mann Hubert Mitte der 1990er Jahre offenbar davon aus, dass sich hohe Umsätze mit den Modellautos erzielen ließen, die der Dreifachmörder Roland S. und andere psychisch kranke Straftäter hinter den Gittern des Maßregelvollzugs für die Haderthauers anfertigten. Laut BR nannte Hubert Haderthauer in einem Brief Preise pro Modellauto von mehr als 20 000 Mark.

In der CSU äußern manche hinter vorgehaltener Hand Kritik am Krisenmanagement. Andere CSU-Landtagsabgeordnete stimmen Haderthauers Einschätzung zu, es handele sich um eine aufgeblasene Empörungswelle. Doch die Luft wird dünner, wie Seehofers Äußerungen deutlich machen.

SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen findet für Haderthauers kräftige Wortwahl den literarischen Vergleich, die Staatskanzleichefin habe „wohl in Drachenblut gebadet“. In der Nibelungensage ist der Recke Siegfried trotz Bads im Drachenblut an einer Stelle zwischen den Schultern verwundbar geblieben - was ihm letztlich den Tod bringt.

Haderthauer jedenfalls kämpft wie ein Recke, doch verwundet ist sie bereits. Vor Beginn der Kabinettssitzung wird sie von wenigen Dutzend Demonstranten ausgepfiffen, die eigentlich gar nicht wegen ihr gekommen sind. Nach der Kabinettssitzung verlässt sie das Gebäude durch den Hinterausgang. „Ich habe alles gesagt“, sagt sie.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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