Euro-Krisenmanagement
„Trichet hat die Unabhängigkeit der EZB zerstört“

Inmitten der sich verschärfenden Euro-Schuldenkrise ist der EZB-Rat zur letzten Sitzung unter Trichet zusammengekommen. Für Ökonomen Anlass genug, das bisherige Krisenmanagement des Zentralbankchefs zu bilanzieren.
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DüsseldorfDer Krisenökonom und Autor der Streitschrift „Stoppt das Euro-Desaster“, Max Otte, hat anlässlich der letzten von Jean-Claude Trichet geleiteten EZB-Ratssitzung scharfe Kritik am Euro-Krisenmanagement des Präsidenten der Europäischen Zentralbank geäußert. Trichet sei es nie um die Rettung des Euro gegangen. „Trichet hat die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank de facto zerstört und den soliden Wirtschaften in Europa enorme Risiken aufgebürdet“, sagte Otte Handelsblatt Online. Deswegen seien der frühere Bundesbankchef Axel Weber und EZB-Chefökonom Jürgen Stark zurückgetreten. „Es ist zweifelhaft, ob die EZB wieder auf den Pfad der geldpolitischen Tugend zurückkehren kann.“

Nach Einschätzung von Otte, der als Professor an der Fachhochschule Worms allgemeine und internationale Betriebswirtschaftslehre lehrt, hat sich die Politik der EZB immer mehr an den Belangen der spekulativen Finanzmarktakteure ausgerichtet. „Die Niedrigzinspolitik nutzt Investmentbanken, Hedgefonds und Schattenbanken, und sie schadet Versicherungen und Privatanlegern“, sagte er und fügte mit Blick auf den designierten Nachfolger Trichtes hinzu: „Von Mario Draghi, ex Goldman Sachs, ist zu erwarten, dass diese Politik fortgesetzt wird.“

Vor Otte ging auch schon Deutschlands oberster Wirtschaftsweiser, der Vorsitzende des Sachverständigenrates Wolfgang Franz, hart mit der Europäischen Zentralbank ins Gericht. "Wohin es führt, wenn ordnungspolitische Prinzipien zugunsten eines vermeintlich alternativlosen Pragmatismus über Bord geworfen werden, lehren die Finanzmarktkrise und die Euro-Krise", wetterte der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt.

Vor allem die EZB habe sich schwere Fehler geleistet, schreibt Franz. Seit ihrer Entscheidung vom Mai 2010, griechische Staatsanleihen anzukaufen, bewege sie sich "auf einer abschüssigen Bahn". Noch gravierender seien Bedenken in Bezug auf die Vernetzung der EZB-Anleihenkäufe mit der staatlichen Schuldenpolitik. Die Finanzierung von Staatshaushalten gehöre zu den "Todsünden einer Zentralbank".

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Krisensymptome am Geldmarkt

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Starthilfe für Draghi

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  • In keinem anderen Land der Eurozone gibt es so viele Millionäre wie in Luxemburg!
    Wenn die sauer sind, dann sind sie wirklich blöd!
    Nie sind die Deutsche reicher seit Ende des Krieges gewesen als heute, dank der EU.
    Wenn die Deutsche sauer sind dann sind die noch blöder!!!!!!

  • Trichet war eine Katastrophe für die EZB und deren Unabhängigkeit für die deutschen Steuerzahler sowie die Steuerzahler anderer stabiler EURO-Länder.

    Unter Trichet erfolgte die Abkehr von einer soliden Finanzpolitik, die Trichet den Interessen Frankreichs und seiner französischen Banken opferte, die massiv in Griechenland sich engagiert hatten.

    Unter Trichet wurden marode Staatsanleihen der Griechen aufgekauft und französische Banken entlastet. Die Risiken dieser Umverteilung geht letztlich zu Lasten der deutschen Steuerzahler.

    Merkel hat sich hier von Trichet, Sarkozy, südeuropäischen Regierungen und französischen Banken an der "Nase herumführen" lassen. Die Deutschen Jürgen Stark und Axel Weber hatten dies erkannt und wollten diesen antideutschen Kurs der EZB nicht mittragen.

    Aber nicht nur Angela Merkel und die CDU sondern ebenso unsere deutschen Oppositionspolitiker bei SPD und GRÜNEN sind wirtschaftspolitisch genauso blind, und merken wie sie mit ihrer Angst vor dem Vorwurf "Antieuropäer" in Wahrheit kaltgestellt werden und die Interessen deutscher und anderer stabiler EURO-Länder verraten.

    Sehr bedauerlich wie Fehlentwicklungen in Griechenland und anderen südeuropäischen Staaten von uns auch noch mitfinanziert werden, anstatt die deutschen Steuergelder hier für verschuldete Städte wie Duisburg oder Oberhausen auszugeben oder wirtschaftlich schwache Regionen wie Vorpommern oder Erzgebirge mit diesen Steuermilliarden zu unterstützen.

    Traurig, traurig, traurig, was aus der EZB unter Trichet geworden ist...

  • Falscher Mann am Steuerpult
    Ist das nicht evtl. typisch für französische Finanz - experten, dass sie lieber Geld aus dem Fenster werfen als sinnvoll damit umzugehen? Um keine Mißverständnisse auf- kommen zu lassen. Ich habe rein gar nichts gegen Franzo - sen. Ich war heilfroh als das bescheuerte Ressiment der Nazis und Vorgänger von den Erzfeinden aus Frankreich in die Tonne gestopft wurde, wo es hin gehörte. Aber in Punkto Geld haben die Nachbarn ein schwer verständliches Gebaren. Das sieht man nicht zuletzt bei ihrem Präsiden- ten. Lieber mit vollen Händen verteilen als sparen.So fliegt jeder Appell zum Maßhalten ebenfals in die Tonne. Siehe Trichet. Ein falscher Mann an einem wichtigen Platz.

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