Export
Deutschland hängt an Europa, nicht nur an China

Im Vergleich zur europäischen Konkurrenz profitieren Deutschlands Unternehmen außerordentlich vom Wachstum der Weltwirtschaft. Insbesondere der Boom in den Schwellenländern bewirkt einen starken Schub. Doch der kräftige Export muss nicht immer von Vorteil sein.
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Die deutsche Autoindustrie leitet seit Monaten Fahrzeuge, deren Produktion eigentlich für die USA gedacht war, nach China um. Der Grund sind deutlich höhere Deckungsbeiträge im Land des Lächelns.

Doch die Exportstärke entpuppt sich in jedem globalen Abschwung als fatale Abhängigkeit. Die 100 größten deutschen börsennotierten Unternehmen setzen nach Handelsblatt-Berechnungen zwei Drittel ihrer Produkte im Ausland ab - Tendenz steigend. Kein anderes westliches Industrieland kommt auf eine so hohe Quote. Am höchsten ist der Auslandsanteil im Maschinenbau sowie in der Eisen- und Stahlindustrie, gefolgt von der Auto- und Chemiebranche. Ein Blick in die regionale Aufteilung der Umsätze offenbart, dass die Unternehmen ihre meisten Umsätze zwar nach wie vor in Europa und den USA erzielen. Doch während deutsche Exporte in die USA stagnieren und in der vergangenen Wirtschaftskrise scharf einbrachen, legten sie nach China zu.

Bei Unternehmen in der Elektro-, Eisen- und Stahlindustrie fielen die deutschen Exporte zwischen 2007, dem Boomjahr, und 2009, dem zweiten Krisenjahr, nach Berechnungen der Deutschen Bank um etwas mehr als zehn Prozent. Die Autobauer setzten in der größten Volkswirtschaft sogar knapp 18 Prozent weniger ab.

Hingegen fragt China Jahr für Jahr mehr deutsche Produkte nach. Insgesamt erhöhten sich die Exporte gen China in den vergangenen zehn Jahren für alle Industriebranchen um mehr als zehn Prozent. Am größten ist die Dynamik in der Automobilindustrie. Daimler steigerte seinen Anteil in China in nur drei Jahren von 1,9 auf 9,3 Prozent.

So sehr diese Zahlen die wachsende Bedeutung Chinas herausheben, genauso sehr belegen sie die Abhängigkeit deutscher Konzerne vom europäischen und amerikanischen Markt. Noch immer erwirtschaftet die deutsche Industrie hier ihren Löwenanteil. Der Mischkonzern Siemens etwa setzte in den ersten drei Quartalen 2010 knapp 20 Prozent seiner Produkte in den USA ab, immer noch zweieinhalbmal so viel wie in China. Auch Daimler macht 60 Prozent seiner Umsätze nach wie vor in Westeuropa und der weltgrößten Volkswirtschaft USA. Die Analysten der DZ-Bank haben ermittelt, dass die 100 größten deutschen Unternehmen derzeit nicht einmal sechs Prozent in China und Indien umsetzen, 17,6 Prozent jedoch in Nordamerika und 58,9 Prozent in Europa.

Daraus folgt: Jede Schwäche in den alten Industriestaaten trifft die deutsche Wirtschaft überdurchschnittlich stark. Angenommen, die USA und weite Teile Europas würden in eine neuerliche Krise rutschen, weil die Regierungen ihre enormen Verschuldungen abbauen und demzufolge Ausgaben senken und Steuern erhöhen, könnten die Schwellenländer solche Schwächen nicht kompensieren.

Asien werde weder die westlichen Industrienationen noch deren Unternehmen retten, warnte der legendäre Rohstoff-Investor Jim Rogers kürzlich in einem Handelsblatt-Interview: "Chinas Wirtschaft ist etwa ein Zehntel so groß wie Europa und Amerika. Indien ist wiederum nur ein Drittel so groß wie die chinesische - das sind also im Weltmaßstab noch vergleichsweise kleine Volkswirtschaften."

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland

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