Extreme regionale Unterschiede
Der „arme Ost-Rentner“ ist Legende

Das Klischee vom „armen Ost-Rentner“ hat ausgedient. Nach einer Untersuchung des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie (Inifes) im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung liegen die gesetzlichen Altersbezüge in den neuen Ländern im Schnitt höher als in den alten. Besonders krass ist das Gefälle zu ländlichen West-Regionen.

BERLIN. So kommt ein Neurentner in Potsdam im Schnitt auf 830 Euro im Monat. Im Eifel-Kreis Bitburg-Prüm sind es nur 495 Euro. Die bemerkenswerten Daten dürften die West-Ost-Diskussion über den Solidarpakt zusätzlich befeuern. Allerdings haben die höheren Werte in den neuen Ländern nichts mit einer möglichen Über-Förderung zu tun. Sie ergeben sich vielmehr aus der Logik der Rentenkassen, deren Leistungen sich nach den erworbenen Entgeltpunkten richten. Weil in der DDR die Frauenerwerbstätigkeit höher war und es offiziell keine Arbeitslosigkeit gab, werden den Ostdeutschen rechnerisch mehr Beitragsjahre gutgeschrieben.

Nach Zahlen der Deutschen Rentenversicherung (DRV) lag der durchschnittliche Zahlbetrag für männliche Neurentner 2005 bei 793 Euro im Westen und 840 Euro im Osten. Bei Frauen beträgt das Verhältnis gar 423 Euro (West) zu 655 Euro (Ost). Weil die Altersbezüge in den neuen Ländern aus politischen Gründen regelmäßig stärker angehoben wurden als im Westen, hat sich die Kluft zuletzt vergrößert. Auch 2007 erhalten die Ost-Rentner einen Zuschlag. Allein aufgrund der Lohnentwicklung dürften die Altersbezüge dort nämlich eigentlich nur um 0,04 Prozent steigen. Nach einer Klausel im Sozialgesetzbuch werden sie aber wie im Westen um 0,54 Prozent angehoben.

Die Forscher der Böckler-Stiftung haben nun erstmals alle Landkreise und Städte der Republik untersucht. Dabei zeigt sich, dass Neurentner in Ländern mit einem starken Strukturwandel seit 1996 deutliche Einbußen hinnehmen mussten. Grund sind die Abschläge beim vorzeitigen Ausscheiden aus dem Berufsleben. So sanken die durchschnittlichen Renten-Zahlbeträge an der Saar bis 2004 von 747 auf 565 Euro. In den neuen Ländern lagen die Neurenten 2004 über denen von 1996, doch sinken sie auch dort. Ein Vergleich der reinen Rentenhöhe in Ost und West lasse aber nur bedingt Rückschlüsse auf den tatsächlichen Wohlstand zu, schränken die Böckler-Forscher ein: Ältere Westdeutsche verfügen nämlich häufiger über Betriebsrenten und Zinseinkünfte als Ostdeutsche.

Anders als in der öffentlichen Diskussion vielfach angenommen, belasten die Defizite der ostdeutschen Rentenkassen nicht die Beitragszahler in den alten Bundesländern. Der Fehlbetrag zwischen Einnahmen und Ausgaben ist im Osten bis 2003 (neuere Zahlen liegen nicht vor) auf 13,6 Mrd. Euro gestiegen. Diese Summe wird von der Deutschen Rentenversicherung als „versicherungsfremde Leistung“ gewertet. Sie dient somit zur Legitimation des milliardenschweren Bundeszuschusses aus dem Haushalt und wird damit letztlich vom Steuerzahler getragen.

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