Flüchtlinge
Ein neues Zuhause

Der Syrer Adel und der Eritreer Noah sind angekommen. Nicht nur in Deutschland, auch in neuen Familien. Die Schneiders und die Schölers haben die Männer aufgenommen – und zeigen, wie Integration geht.

Seligenstadt/Frankfurt/MainAls der Hilferuf sie erreichte, haben die Schneiders eine Flasche Wein aufgemacht und sich zusammen gesetzt. Das macht die Familie aus dem südhessischen Seligenstadt oft so, wenn es etwas Wichtiges zu besprechen gibt. Diesmal ging es um die Entscheidung, ob sie einen syrischen Flüchtling aufnehmen. Tochter Marlit arbeitet ehrenamtlich als Patin in einer Flüchtlingsunterkunft und hatte mitbekommen, dass Adel Mohammad es kaum noch dort aushält. Zu eng, zu wenig Ruhe fürs Lernen. Inzwischen liegen die Deutschbücher des Syrers bei Aenne und Jürgen Schneider auf dem Esstisch, der 36-Jährige ist in das Gästezimmer des Ehepaares gezogen.

Für die Schölers aus Frankfurt war die Sache schnell klar, als eine Eritreerin aus ihrer Gemeinde eine Unterkunft für ihren Neffen suchte. „Wir hatten vorher schon überlegt, einen unbegleiteten, minderjährigen Flüchtling aufzunehmen“, erzählt Michael Schöler. Nun wurde es der 21 Jahre alte Noah*, ein anerkannter Asylbewerber, der zunächst aber kein Wort Deutsch sprach. Platz hatte das Rentnerpaar. Zwei ihrer drei erwachsenen Kinder sind aus dem Haus. Reichlich Erfahrung mit jungen Menschen haben sie auch, nicht nur als Eltern. Michael Schöler war beim Bistum Limburg unter anderem in der Jugendarbeit aktiv. Und: „Bei uns hat auch schon mal eine Bolivianerin ein Jahr gelebt.“

Wie viele Menschen in Deutschland wie die Schölers und Schneiders einen Flüchtling oder anerkannten Asylbewerber aufgenommen haben, weiß niemand. Nicht einmal Schätzungen gibt es. Syrer wie Adel machten in den ersten elf Monaten des laufenden Jahres die größte Gruppe (39,8 Prozent) der rund 965.000 Asylsuchenden in Deutschland aus. Eritrea führt die afrikanischen Länder an: Rund 2,5 Prozent oder gut 24 400 der Asylbewerber kamen aus dem armen Land im Nordosten Afrikas.

Die Schneiders jedenfalls haben ihre Entscheidung noch keine Minute bereut. „Er gehört einfach dazu. Ich würde ihn vermissen, wenn er nicht mehr da wäre“, sagt Aenne Schneider. Die 65-Jährige leitet ein kleines Unternehmen und hilft ehrenamtlich in einem Spendenlager für Flüchtlinge. Mitte Oktober kam Adel das erste Mal für ein besseres Kennenlernen zu den Schneiders nach Hause - drei Tage später zog er ein. Die Dankbarkeit des neuen Mitbewohners ist greifbar und wird mit jedem seiner Worte deutlich. „Die Schneiders sind für mich wie Mama und Papa“, sagt er. „Meine Ankunft in Deutschland war für mich wie ein Geburtstag.“

So gut wie Adel kann sich Noah auf Deutsch noch nicht ausdrücken. Er besucht gerade einen Alphabetisierungskurs und hat erst nach und nach lateinische Buchstaben und die ersten Sätze gelernt. „Deutsch ist sehr schwer“, sagt der freundliche junge Mann. Mit Händen und Füßen sowie mit Hilfe von Bildern verständigten sich die Schölers zunächst mit Noah. Zweieinhalb Monate später kommen immer mehr deutsche Wörter und Sätze dazu. Natürlich bedeute der neue Mitbewohner auch Einschränkungen: „Wir sind wegen der Ferienzeiten wieder ein Stück an die Schule gebunden.“ Aber: „Es ist sehr spannend.“

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