Freie Universität Berlin
Erst rot, dann exzellent

Einst als Kaderschmiede für Kommunisten weltberühmt, wandelt sich die Berliner Freie Universität jetzt zur Top-Uni. Aus der finanziellen Not hat FÜ-Präsident Dieter Lenzen eine wissenschaftliche Tugend gemacht und die Hochschule einer Rundumerneuerung unterzogen – mit Erfolg. Eine Handelsblatt-Reportage.

BERLIN. Der Blick des Präsidenten schweift nicht nach draußen. Von seinem Büro im ersten Stock der einstigen Stadtkommandantur der Alliierten betrachtet, liegt draußen ja nur längst befriedetes Land. Noble Villen, üppig umwachsene Teiche und ein sattes Grün tauchen Dahlem in eine Berliner Idylle ohnegleichen. Kaum zu glauben, dass hier vor 40 Jahren die Weltrevolution betriebsklar werden sollte, dass Rote Zellen, K-Gruppen und Revolutionsgläubige mit der Mao-Bibel in der Hand dem Establishment den Kampf ansagten. Der Geist wehte scharf links und roch streng kommunistisch. Jetzt aber fegt eher der Wind des radikalen Pragmatismus um die Ecken. Und der Präsident der Freien Universität, Dieter Lenzen, verkörpert ihn.

Seit den wilden 60er- und chaotischen 70er-Jahren schleppt die FU weltweit den Ruf einer roten Kaderschmiede mit sich. Doch ist sie längst alles andere als das. Heute gehört sie zu den besten Universitäten Deutschlands. Beim Exzellenz-Wettbewerb von Bund und Ländern ist sie unter die letzten fünf vorgestoßen. Sollte sie im Oktober bundesweit Spitze sein, könnte sie 21 Millionen Euro an zusätzlichen Mitteln erhalten.

Das wäre viel. Denn das neue Elixier des Bildungsalchemisten Prof. Dr. Lenzen lautet: Aus der finanziellen Not eine wissenschaftliche Tugend machen. Seit der Wende gilt: weniger Geld, weniger Studenten, weniger Professoren, weniger Verwaltung, weniger Verschwendung. Dafür: mehr Leistung, mehr Drittmittel, mehr internationale Ausrichtung, mehr Anerkennung. Mit solchem Austeritätsprogramm und einer Verankerung als internationale Netzwerkuniversität mit besten Beziehungen zu den USA ist die FU wieder zu einer weltweit gerühmten und beliebten Bildungsstätte avanciert.

Doch die Vorgeschichte bleibt so grotesk wie paradox: Ausgerechnet an jener Universität, die 1948 auf Betreiben der Studenten und den USA als ideologiefreier Gegenpol zur Einheitsuniversität, der einst berühmten Humboldt-Universität, gegründet worden war, sättigten die Studenten ihren politischen Hunger mit Ideologie und Propaganda. Doch das tolle Treiben endete bitter. Nicht nur für den Studenten Benno Ohnesorg, der am 2. Juni 1967 während des Besuchs des persischen Schahs erschossen wurde, nicht nur für Studentenführer Rudi Dutschke, der angeschossen und einige Jahre danach an den Spätfolgen sterben sollte. Auch der Bildungsstandard, das einst so hohe Niveau der ersten Reformuniversität der Republik, brach zusammen. Zumindest in einer Hand voll von Instituten war dies der Fall, zumindest vorübergehend. Doch diese waren es, die zusammen mit Berkeley und der Sorbonne weltweit die Krawall-schlagzeilen produzierten. Linke Kulturgeschichte? Tempi passati.

Der Präsident, der da in der Stadtkommandantur in seinem modernen und lichten Office hockt, ist ein drahtiger Mann mit Glatze, modischem dunkelblauem Streifenanzug und perfekt gebundenem Binder. Sein Gegenüber fixiert er taff durch die Silberrandbrille. Man hört sein inneres Räderwerk laut ticken, und wie eine Sanduhr scheint er diesen Termin zu bemessen. Wie viel Nutzen bringt das Interview, wie viel Überzeugungs-PS legt er an den Tag? Jenseits der 50 hat er zu regelmäßigen Leibesübungen gefunden, die ihn für seinen großen Kampf ertüchtigen. Er geht ums Budget, um Modernität, Leistung, Anerkennung, Exzellenz.

Worüber Hunderttausende in der Hauptstadt jammern, das ist dem FU-Präsidenten sprudelnder Quell des Fortschritts: „Der im Zuge der Wende ausgelöste finanzielle Zwang war hilfreich für die FU. Nach 1989 wurden jene Reformschritte unabdingbar und existenziell, von denen wir jetzt profitieren“, formuliert er, als müsse er Wein aus Wasser machen und aus lähmendem Überfluss erquickendes Bildungsknäckebrot backen. Von 65 000 Studenten wurde die Akademiemaschine bereits auf 32 000 runtergepresst.

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