Fünf Fragen an Josef Kraus
„Lehrermangel schadet dem Wirtschaftsstandort“

Mit einer Lehrer-Abwerbekampagne hat Baden-Württemberg andere Bundesländer gegen sich aufgebracht: Bayern schäumt und sieht die Schamgrenze überschriftten, Hessen will das Thema auf Tagesordnung der nächsten Kultusministerkonferenz setzen. Der Präsident des Lehrerverbands, Josef Kraus, hält das Vorgehen der Schwaben dagegen für legitim. Im Interview mit Handelsblatt.com erläutert er, wie dramatisch die Lage ist.

Herr Kraus, was halten Sie von der Kampagne Baden-Württembergs: Ist es legitim, Lehrer aus anderen Bundesländern abzuwerben?

Josef Kraus: Aus der Sicht Baden-Württembergs ist es legitim. Kollegial unter den 16 Kultusministern ist es nicht unbedingt. Aber warum soll es hier nicht ein wenig Markt geben? Wenn bestimmte Länder für Lehrer attraktiver und andere Länder weniger attraktiv sind, dann müssen sich letztere etwas einfallen lassen. Seit der Föderalismusreform von 2006 sind hier landesspezifische Besoldungsregelungen möglich.

Kann das Abwerben von Lehrern überhaupt unterbunden werden?

Nein. Auch für Lehrer gilt das Grundrecht auf Freizügigkeit. Wenn ein Land A einen Lehrer aus einem Land B einstellt, kann dies das Land B nicht verhindern. Das Risiko trägt der betreffende Lehrer, der möglicherweise nicht mehr in das Land B zurückkehren kann und womöglich einen Teil seiner Pensionsansprüche verliert, falls das Land A sie nicht voll übernimmt - was es aber in der Regel tut.

Warum gibt es so wenig Lehrer?

Nicht in allen Lehrämtern und Fächern gibt es einen Mangel. Der Mangel ist am größten in den Realschulen und Gymnasien in den Fächern Mathematik, Physik, Latein sowie in den beruflichen Schulen in Elektrotechnik, Metalltechnik und Wirtschaftspädagogik. Das liegt an einer miserablen, leider nur kurzatmigen Personalplanung und Personalwerbung der 16 Kultusminister, aber auch am schlechten bzw. schlechtgeredeten Image der Lehrerschaft in der Öffentlichkeit. Hinzu kommt die fortschreitende Überfrachtung der Schulen mit sozialpädagogischen Reparaturaufgaben und die schlechte Vergütung für Junglehrer - der sogenannten Referendare. Sie müssen als 25- bis 27-Jährige zwei Jahre lang mit monatlich 900 bis 1000 Euro auskommen.

Wie viele Lehrer fehlen in Deutschland, und wie lässt sich die Lücke schließen?

Für den aktuellen Stand ist dies schwer einzuschätzen, denn viele Schulen decken ihren Bedarf mit Pensionisten und Nebenberuflern ab. Aber an die 20 000 dürften es schon sein. Viel gravierender ist die Tatsache, dass von den derzeit 800 000 aktiven Lehrern in Deutschland in den kommenden zehn Jahren über 300 000 in den Ruhestand gehen. Hier werden sich in bestimmten Fachbereichen große Löcher ergeben. Kurzfristig lassen sich die Lücken nur durch Quereinsteiger und Pensionisten schließen, langfristig nur durch eine differenzierte Werbung der Kultusminister.

Welche Folgen hat Lehrermangel für den Wirtschaftsstandort Deutschland?

Zunächst wird der Bildungsstandort leiden - vor allem in Form von Unterrichtsausfall und größeren Klassen. Im nächsten Schritt wird der Wirtschaftsstandort leiden, denn die jungen Leute werden dann schwächer qualifiziert auf den Arbeitsmarkt kommen.

Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik
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