Gastbeitrag zur Minijob-Debatte
„Peter Tauber liegt völlig falsch“

Wer etwas Ordentliches gelernt habe, sei nicht auf Minijobs angewiesen, so CDU-Generalsekretär Peter Tauber. Die Realität zeigt, dass auch gut Ausgebildete Minijobs ausüben. Der Soziologe Stefan Sell analysiert die Lage.
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Erneut werden wir Zeugen, wie man twitternd eine ziemlich große Welle auslösen kann. Diesmal ist es nicht der amerikanischen Präsident, sondern jemand, der einige Kampfgewichte leichter, aber immerhin Generalsekretär der CDU Deutschland ist. Und seine Partei hat erst diese Tage als letzte in der Riege der zur Bundestagswahl antretenden Parteien ihr Wahlprogramm der Öffentlichkeit vorgelegt: Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben. Regierungsprogramm 2017 – 2021, so ambitiös ist das überschrieben.

Darin findet man beispielsweise diese Aussage: „Sozial ist, was Arbeit schafft. Jeder Arbeitslose ist einer zu viel. Wir setzen uns ein ehrgeiziges Ziel: Wir wollen bis spätestens 2025 Vollbeschäftigung für ganz Deutschland. In West und Ost, in Nord und Süd. Wir werden die Zahl der Arbeitslosen nochmals halbieren.“

Das ist an vielen Stellen mittlerweile kommentiert worden, vgl. beispielsweise Voll mit fremden Federn von Florian Diekmann: „Vollbeschäftigung bis zum Jahr 2025. Das ist nicht nur wohlfeil. Es ist dreist. Denn die Union hat beim entscheidenden Punkt bisher gebremst, nicht gefördert“ – und er meint hier die Nicht-Aktivität der Union hinsichtlich einer wirklichen Bekämpfung der sich verfestigenden Langzeitarbeitslosigkeit in Deutschland.

„Sozial ist, was Arbeit schafft“ – so steht es im Wahl-, bzw. Regierungsprogramm der Union. Das allein wäre schon ausreichend Stoff, um über den Un-Sinn einer solchen Formulierung nachzudenken, denn es sollte eigentlich nicht wirklich schwer zu erkennen sein, dass gerade nicht jede Arbeit sozial ist.

Aber hier geht es um einen ganz besonderen Aspekt unseres Arbeitsmarktes: die Minijobs. Und um die Vorstellungen, die offensichtlich ein Spitzenpolitiker von dieser sehr deutschen Ausformung einer Teilzeit-Beschäftigung hat. Grundsätzlich muss man wissen, dass es zwei Formen der geringfügigen Beschäftigung gibt: Zum einen die ausschließlich geringfügig Beschäftigten und zum anderen die geringfügig Beschäftigten im Nebenjob, also Arbeitnehmer, die einer sozialversicherungspflichtigen Teil- oder Vollzeitbeschäftigung nachgehen und dann noch einen Minijob zusätzlich ausüben.

Man braucht keine drei Minijobs, wenn man was Ordentliches gelernt habe, so Peter Tauber. Bei ihm und sicher vielen anderen schwirrt da im Kopf herum, dass es Leute gibt, die mehrere 450-Euro-Jobs nebeneinander machen (müssen).

Nun muss man an dieser Stelle zum einen klar stellen, dass es zwar durchaus die Möglichkeit gibt, mehrere geringfügige Beschäftigungsverhältnisse nebeneinander auszuüben, aber dies 1.) nur für die ausschließlich geringfügig Beschäftigten und 2.) darf die Grenze von 450 Euro insgesamt nicht überschritten werden. Man kann schlichtweg nicht mehrere eigenständige 450-Euro-Jobs parallel nebeneinander ausüben.

Die Abbildung zeigt auf Basis von aktuellen Daten der Minijob-Zentrale, dass im gewerblichen Bereich 97,3 Prozent der Minijobber lediglich eine geringfügige Beschäftigung ausüben, in den Privathaushalten sind es mit 88 Prozent etwas weniger. Zwei oder gar noch mehr Minijobs haben keine wirkliche Relevanz. Dann bleibt die Frage, wie es denn aussieht mit dem Vorwurf, die Leute, die geringfügige Beschäftigungsverhältnisse ausüben (müssen), hätten besser „was Ordentliches“ gelernt, dann müssten sie das jetzt nicht machen.

Kommentare zu " Gastbeitrag zur Minijob-Debatte: „Peter Tauber liegt völlig falsch“"

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  • An Arroganz nicht zu überbieten, auch wenn der Herr hier ein wenig versucht zu relativieren. Aber ganz ehrlich, so denken die meisten in diesem Land, welche nicht Betroffen sind. Dazu passt denn auch, das im Programm der CDU ein Satz in leichter abgewandelter Form aus der NS Zeit heute 70 Jahre danach ohne Widersprüche im Wahlprogramm zu finden ist.
    Denn in der NS Zeit hieß der Satz: "Sozial ist wer Arbeit schafft" nach der Definition wären zentrale Arbeitshäuser/Arbeitslager soziale Einrichtungen. (Dezentrale haben wir schon wieder dank Hartz I)
    Während in anderen Ländern jede Arbeit, ob als Putzfrau, oder Manager, anerkannt sind, ist es in Deutschland noch heute ganz anders. Hier liegt auch eines der Gründe warum in Deutschland viele trotz Vollzeit so wenig bekommen, dass sie noch auf das Amt müssen, um in diesem Land überleben zu dürfen.
    Dieser Armutsmindestlohn, welcher auch noch mit vielen Ausnahmereglungen ganz legal unterlaufen werden kann und wird, siehe Werkverträge, Scheinselbständig usw. so wenig ist, dass es nicht einmal im aktiven Erwerbsleben zum Überleben reicht. Ganz zu schweigen für eine "Rente" reichen kann. Nur um auf Grundsicherungsniveau zu kommen, muss man bei dem Armutsmindestlohn mindestens 63 Jahre Beiträge eingezahlt haben, um am Ende sich auf den Behörden demütigen zu lassen?
    Dagegen unsere Nachbarn, da wird jeder der Arbeit hat respektiert, und dementsprechend auch entlohnt. Nehmen wir die Schweiz, da bekommt eine Putzfrau ca. 25 Schweizer Franken brutto die Stunde.
    Auf Deutschland übertragen, unter Berücksichtigung höherer Lebenshaltungskosten von ca. 30% wären das noch immer ca. 18,00 Brutto die Stunde. Wohlbemerkt für eine Putzfrau. Da ich mir nicht vorstellen kann, dass Putzfrauen in der Schweiz drei Mal so produktiv sind wie Putzfrauen in Deutschland, frage ich mich wie ist das möglich?
    Renten in der Schweiz, oder Österreich, sowie in den Skandinavischen Ländern sind zum Teil doppelt so hoch wie in Deutschland?

  • Die Arroganz der Politiker jeglicher Couleur gegenüber dem Bürger in D ist nur noch entsetzlich und die Verachtung gegenüber denen die brav arbeiten und ihre Steuern abdrücken müssen für Politiker und ihr Klientel ist schon erschreckend.
    Deutsche Politik macht für D Riesenprobleme, die D ohne diese Politiker, rnicht hätten und dann wird gegen die arbeitenden Bürger gesprochen/geschrieben und getan, zum eigenen Politikervorteil.
    Nein da kann ich nur noch zum "Wutbürger" werden und am 24.9.17 entsprechen wählen.

  • @ Herr Michael Zeindlmeier05.07.2017, 12:04 Uhr

    Was wählen Sie? CDU oder SPD? merken Sie was?

    :)

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