Gastkommentar
Beim Atomausstieg regiert die Panik

Mag sein, dass die Richtung stimmt beim Ausstieg aus der Kernkraft. Doch die Art und Weise der Wende war verantwortungslos. Das Erstarken der Grünen ist auch eine Quittung dafür.

Nachdenken nach dem Atomausstieg - beginnen wir mit einer Vorrede zur Lage der Nation. Deutschland 2011 ist ein freundliches Land, Lichtjahre entfernt vom Zwölfjährigen Reich. Dieser Autor möchte lieber in Deutschland als in Amerika verhaftet werden - siehe Strauss-Kahn. Er möchte lieber über die Kö als über den Piccadilly laufen, wo Big Brother ihm mit seinen Überwachungskameras folgt. Im Behördenkampf überwiegen die Bürgerrechte.

Überhaupt der Staat. Früher hieß es barsch: "Können Sie sich ausweisen?" Heute: "Was kann ich für Sie tun?"

Dieses Land hat sich zu einer mustergültigen liberalen Demokratie entwickelt, aber die panische Flucht aus der Atomenergie lässt zweifeln - an ihrem Bewusstsein wie an ihren Prozeduren. Zum Seelenzustand: Im März verwüsten Erdbeben und Tsunami Nord-Japan, zwei Monate später macht die Regierung die eigenen AKWs dicht - 9.000 Kilometer weiter und in einem Land, das nicht für tektonische Apokalypsen bekannt ist.

Zur Prozedur: Der Kern der repräsentativen Demokratie ist die Beratung; deshalb die vielen Wälle, die sie gegen die Aufwallung der Gefühle aufgerichtet hat. Das "Beraten" aber übernahm eine Ethikkommission, unter deren 17 Mitgliedern sich nur zwei, drei Abschalt-Gegner befanden. Dieses Gremium agierte also wie eine Consulting-Firma, die mit einem Gütesiegel verziert, was der Auftraggeber wollte. Das ist nützlich, dient aber nicht der unsäglich komplizierten Wahrheitsfindung.

Die begönne bei der Prämisse. Fukushima ist eben nicht Isar 2, und Bayern ist ziemlich weit weg von den Erdbebenzonen des Pazifiks. Es ginge weiter mit der Analyse der aktuarischen Daten: Jede andere Form der Energieerzeugung hat bisher beträchtlich mehr Menschenleben gefordert (per Terawattstunde) als die atomare. "Wasser- und Atomkraft produzieren Gesundheitsrisiken, die zwei Größenordnungen unter Kohle und Öl liegen", resümiert das schwedische Forscherduo Starfelt/Wikdahl.

Solche Risiken wären mit den Kosten des Umbaus zu vergleichen. Nachhaltige Energien werden in Deutschland heute schon mit Milliarden subventioniert. Die werden nicht fallen. Und die Stütze kommt nicht aus dem All, sondern aus den Steuern der Bürger und den Taschen der Stromkunden. Zu dumm, dass der Wind am heftigsten im Norden bläst, die Industrie aber im Süden den Mehrwert produziert.
Apropos Windparks. Ein AKW zu schließen, heißt 1 000 Windmühlen zu bauen - keine Augenweide. Also dann weit in die Nordsee. Wie baut man die eigentlich bei hohem Wellengang und dann: Wie sie warten?

Was macht der "Wutbürger", wenn seine kleine Welt mit Mühlen und neuen Hochspannungsleitungen zugepflastert wird? Wenn sich sein Strompreis verdoppelt? Was kostet der Turbo-Ausstieg? 170 Milliarden Euro, lauten die ersten groben Schätzungen. Die Erfahrung mit Großprojekten - vom Eurofighter bis zur Hamburger Philharmonie - warnt: Solche Zahlen möge man mit Faktor drei multiplizieren.

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