Gastkommentar zur Einwanderung
Die Stimmung kippt

Wer nicht hören will, muss fühlen! Das gilt auch für die Union und ihre Flüchtlingspolitik. Wenn die CDU nicht eine Kehrtwende bei der Einwanderungspolitik schafft, werden andere Parteien davon profitieren.
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Für die CDU und ihre Vorsitzende bewahrheitet sich derzeit ein stets richtiges Sprichwort: Wer nicht hören will, muss fühlen! Beflissen um den Schulterschluss mit SPD und „progressiver Öffentlichkeit“ bemüht, wollte die Union nicht hören, dass ein Großteil der Deutschen zwar politisch Verfolgten helfen will, es aber nicht mag, dass es – den Asylartikel nutzend – zur selbstermächtigten und vom Staat passiv hingenommenen Einwanderung nach Deutschland kommt.

Als Dresdens Pegida-Demonstranten im vergangenen Spätherbst dieses Thema unüberhörbar aufbrachten, verlachte man sie, weil sie sich über ein rein eingebildetes Problem Sorgen machten. Obendrein unterstellte die Kanzlerin ihnen allesamt Vorurteile, Kälte und Hass im Herzen.

Inzwischen ist aber unübersehbar geworden, dass wir Probleme mit der bislang nicht enden wollenden Einwanderung nach Deutschland haben und es keine leichte Aufgabe sein wird, Hunderttausende von Zuwanderern mit Wohnungen, Arbeitsplätzen, Gesundheitsfürsorge und sozialer Sicherung zu versorgen. Obendrein haben wir diese Zuwanderer auch gar nicht gerufen, ja nicht einmal eine redliche Diskussion zwischen Eliten und Bevölkerung darüber geführt, Einwanderung welcher Art und welchen Umfangs wir wirklich wollen beziehungsweise wollen sollten.

Und seit nicht nur sehr viele Bürgermeister und Landräte, Innenminister und Regierungschefs sich öffentlich Sorgen um die Bewältigbarkeit dieser von uns mutwillig gesuchten Herausforderung machen, sondern ebenfalls der Bundespräsident von Grenzen der Aufnahmefähigkeit unseres Landes spricht, ist der Versuch klar gescheitert, das Einwanderungsgeschehen gleichsam auszusitzen und besorgte Bürger einfach als dumme Rassisten  auszugrenzen.

Hunderttausende von Flüchtlingen werden dieses Jahr in Deutschland Asyl beantragen. Was denken sie? Was wollen sie? Weil die Neuankömmlinge noch immer vielsprachig sprachlos sind, will das Handelsblatt ihnen eine Stimme geben: Auf 50 Seiten sprechen und schreiben Künstler und Unternehmer, Schriftsteller, Ärzte und Ingenieure, Männer und Frauen aus Afghanistan, Iran und und Irak, Syrien, Eritrea aber auch dem Kosovo über Merkel und Europa, Heidenau und das Schleppergeschäft – aber auch die Sorgen der Deutschen, mit denen sie nun konfrontiert werden. Das komplette Dossier als PDF zum Download.

Ganz wesentlich hat die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende dieses Problem verschärft, indem sie der Versuchung nachgab, sich klar „auf die Seite der Guten“ zu stellen. Das setzte eine nachgerade unwiderstehliche Anziehungskraft Deutschlands frei. Zwar waren jene Tage nach Merkels Bruch mit dem Dublin-Abkommen, als viele Deutsche die Ankunft von Einwanderern an unseren Bahnhöfen freudig bejubelten, für das Selbstgefühl und Selbstbild unseres Landes auch sehr schöne Tage.

Doch die Überforderung unserer Hilfsorganisationen und zumal der Tausende von freiwilligen Helfern wird ebenso zur Erosion jener im Grunde schönen Willkommenskultur und zum Kippen der Stimmung im Land beitragen, wie das die jetzt schon einsetzenden Demonstrationen von Einwanderern gegen jene Lebensbedingungen tun werden, in die sie wider ganz andere Hoffnungen einfach deshalb geraten sind, weil unsere Land viel größere Versprechungen gemacht hat, als es einhalten kann.

Nennenswerte Teile der CDU und die allermeisten Politiker und Parteien links der CDU wollen bislang aber keine wirkliche Abkehr von jener Einwanderungspolitik, die uns in diese Probleme geführt hat. Sie machen allenfalls pragmatische Zugeständnisse unter dem Druck ihrer Kommunal- und Landespolitiker. Hingegen wünschte sich ein Großteil der einfachen, von den absehbaren sozialen Verteilungskonflikten besonders stark betroffenen Leute in unserem Land einen Politikwechsel.

Kommentare zu " Gastkommentar zur Einwanderung: Die Stimmung kippt"

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  • Erst gestern hat Frau Merkel gesagt, dass sie ihren Kurs völlig richtig findet, alles auch heute wieder so machen würde und nicht vor hat irgendetwas zu ändern. Sie hat offenbar den Kontakt zur realen Welt verloren und muss so schnell wie möglich abgesetzt werden, denn sie verstösst ohne Unterlass gegen geltendes Recht, unsere Verfassung und ihren Amtseid ! Deutschland und Europa ist auf direktem Weg in die Katastrophe. Wir Bürger können nun nur noch auf die berherzten CDU, CSU und SPD Abgeordneten hoffen, die einen Mistrauensantrag im Bundestag stellen um Frau Merkel abzusetzen und Neuwahlen anzusetzen. [...]

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Nach Ansicht von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kann Deutschland nicht allen ankommenden Flüchtlingen Zuflucht gewähren. „Wir müssen deutlich machen, dass die, die einen Schutzgrund haben, bei uns Schutz bekommen sollen; dass aber auch die, die diesen Schutzgrund nicht haben, die aus rein wirtschaftlichen Gründen zu uns kommen, dass die unser Land auch wieder verlassen müssen“, sagte Merkel in ihrer am Samstag veröffentlichten wöchentlichen Video-Botschaft. „Da müssen wir auch noch konsequenter sein und das deutlich machen.“

    Warum sagt sie das uns, warum sagt sie das auf deutsch?
    Wir wussten das schon früher als sie,
    Sie sollte das in ihrer Video-Botschaft in der Sprache der Ankömmlinge sagen und auch Handzettel an die Ankömmlinge verteilen lassen.

  • @Herr Christian Diebel

    - Eine Einwanderung an sich benötigt jedoch keine zwangsbelegten Lagerhallen und Sporthallen. -

    Normalerweise nicht.
    Jedoch wurden von unserer Regierung, angeführt durch A. Merkel und von den Arbeitgebern, vertreten durch die Arbeitgeberverbände, so viele Fachkräfte im Über-Maß angefordert, dass unsere Experten keine Kontrolle weder hatten noch haben.

    Für ihre Betriebe erwarten die Arbeitgeber, dass die Fachkräfte unsere Sprache beherrschen und Ausbildungsdefizite durch den Steuerzahler ausgeglichen werden.

    Das alles dauert natürlich seine Zeit und Dienstwohnungen stellen sowohl Arbeitgeber als auch Regierung erst mal nicht zur Verfügung. Deshalb Hallen, Massenunterkünfte und Zelte.

    Unsere Autoindustrie besitzt so große Flächen - Parkplätze - die sie sehr schnell baulich nutzen könnte. Denn genau diese Industrie ist es auch, die auf diese produktiven Kräfte händeringend angewiesen ist - wenn ich Dr. Zetsche richtig verstanden habe. Sonst geht es in diesem unserem Lande schnell bergab.

    Achtung Sarkasmus.

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