Gefahren für die Wirtschaft
Schwarz-gelber Euro-Zoff alarmiert Ökonomen

Dass die schwarz-gelbe Koalition in zentralen Fragen ihres Euro-Krisenmanagements nicht zusammenfindet, hat unter deutschen Ökonomen Besorgnis ausgelöst. Sie fürchten, dass die Wirtschaft abschmieren könnte.
  • 4

Düsseldorf/BerlinDer andauernde Koalitionsstreit über zentrale Fragen des Euro-Krisenmanagements der Bundesregierung hat unter führenden Ökonomen in Deutschland Besorgnis ausgelöst. „Dieser Streit ist Gift für Griechenland und den Euroraum als Ganzes“, sagte der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, Handelsblatt Online. „Er erzeugt Unsicherheit und liefert damit den Anlass für immer neue Panikanfälle auf den Finanzmärkten.“ In der Folge vermindere dies wegen der hiermit verbundenen immer höheren Zinsen für griechische Staatsanleihen die Rettungschancen Griechenlands. Dies strahle wiederum auf die Einschätzung der Bonität anderer Krisenländer aus. „Zugleich werden die Sparprogramme allerorten immer härter und drohen mittlerweile den Euroraum in eine Rezession zu ziehen“, warnte der IMK-Chef. „Dies belastet auch die Konjunktur in Deutschland und wird den Aufschwung zum Absturz bringen.“

Auch der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Ferdinand Fichtner, warnte, die politischen Unstimmigkeiten über die angemessene Reaktion auf die Schuldenkrise führten zu einer „deutlichen Verschärfung der Situation“. Dies gelte nicht nur für die deutsche Politik, sagte Fichtner Handelsblatt Online. Auch in Europa seien gerade die deutsche und die französische Regierung lange nicht bereit oder fähig gewesen, sich auf gemeinsame Wege und Ziele zu einigen. Erst in den letzten Wochen entstehe der Eindruck, dass die Regierungschefs in Paris und Berlin willens sind, an einem Strang zu ziehen. „Auch innerhalb der deutschen Regierung wäre ein geschlosseneres Auftreten wünschenswert und würde zu einer dringend notwendigen Beruhigung der Märkte beitragen“, sagte Fichtner.

Für die deutsche Wirtschaft wäre aus Fichtners Sicht eine Beruhigung der Gemüter mit Sicherheit hilfreich. Doch: „Die deutsche Bevölkerung ist von dem Gezerre in der Politik zutiefst verunsichert, alle Stimmungsindikatoren weisen derzeit nach unten“, sagte der DIW-Ökonom. „Daraus können erhebliche Gefahren für die Konjunktur erwachsen: wenn die Menschen beunruhigt sind, scheuen sie vor großen Ausgaben zurück.“ Die deutsche Wirtschaft verliere damit ihren wichtigsten Kunden: den deutschen Konsumenten.

Der Euro-Streit in der Koalition kam auch nach der Wahlschlappe der Berliner Liberalen nicht zur Ruhe. FDP-Chef Philipp Rösler hielt am Montag an seinen Äußerungen zu einer möglichen Insolvenz Griechenlands fest und bekam dafür deutliche Rückendeckung von den Führungsgremien seiner Partei: Sowohl das Präsidium wie auch der Bundesvorstand stimmten seinen Überlegungen in der Eurokrise zu, zu denen auch eine mögliche Insolvenz Griechenlands gehört. Der Vizekanzler räumte ein, nach den erzielten 1,8 Prozent bei der Wahl in Berlin befinde sich seine Partei in der schwierigsten Situation seit ihrem Bestehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet nach eigenen Angaben aber keine negativen Auswirkungen auf die Zusammenarbeit in der Koalition, etwa durch eine stärker nach einem eigenen Profil suchende FDP. „Ich glaube nicht, dass etwas schwieriger wird.“

Kommentare zu " Gefahren für die Wirtschaft: Schwarz-gelber Euro-Zoff alarmiert Ökonomen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • So, so, Ökonomen sind alarmiert. Auch ich bin Ökonom. Und ich bin nicht alarmiert, sondern freue mich, daß die Regierung bisher den nächsten "Rettungs"schrimstufen noch nicht zugestimmt hat - besser, als wenn das Kind schon in den (noch tieferen) Brunnen gefallen wäre. So kann die Regierung sich immer noch darauf besinnen, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Und das Parlament hat die Chance noch nicht vertan, sich um das Land verdient zu machen.

  • Gratuliere, Ihr Kommentar ist wie eine kostbare und seltene Perle unter dem geisteslosen Gequasle vieler möchtegern Ökonomen und Journalisten. Dabei vergessen die noch eines, ganz Wesentliches, was teuerer ist als die griechische Mitgliedschaft in der Euro-zone. -- Noch leben wir in einer Demokratie. Manche Kommentatoren (z.B. ZDF) fühlten sich, als wären sie die Despoten sie selbst. Ist das jetzt schon die schleichende Totalisierung der Meinungen oder sogar der ganzen Gesellschaft?

  • Ist ein Gedanke erst einmal insgeheim ausgebrütet worden, so wird er immer einen Weg in die Öffentlichkeit finden. Keine Macht der Welt wird das verhindern können.

    Wer sich darüber beschwert und dagegen angeht, kämpft gegen Windmühlen. In einer total kommunikativ vernetzten Welt erst recht.

    Wir haben in der Eurozone - und nicht nur dort - ein Schuldenproblem von Staaten. Ob und welcher Form wir damit auch ein Währungsproblem (des Euro) haben, das ist überhaupt nicht eindeutig geklärt und eben auch in vielen Punkten höchst strittig. Und auf diese Frage muß sich die Diskussion in erster Linie und zuerst konzentrieren.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%