„Gesetzlich“ oder „Tatsächlich“
Längere Lebensarbeitszeit kaum aufzuhalten

Immer wenn über Reformen in der Altersversorgung gestritten wird, gehört eine längere Lebensarbeitszeit zum festen Repertoire. Erst im März 2001 hatte der Sozialbeirat ein höheres Renteneintrittsalter im Zuge damaliger Reformpläne als eine „effiziente Maßnahme“ gelobt. Zweieinhalb Jahre später wird es langsam ernst - denn die gesetzliche Rentenversicherung hat inzwischen noch viel größere Probleme.

HB/dpa BERLIN. Die Schere zwischen einer sinkenden Zahl von Beitragszahlern und einer steigenden von Rentnern geht bei gleichzeitig wachsender Lebenserwartung immer weiter auseinander. Kaum wurden die Vorschläge der Rürup-Kommission bekannt, das gesetzliche Renteneintrittsalter schrittweise vom Jahr 2011 bis 2035 von 65 auf 67 Jahre anzuheben, schwappte eine Welle der Kritik von Parteien, Gewerkschaften und Sozialverbänden über die mit Nachwuchssorgen geplagte Republik.

Offiziell liegt der gesetzliche Ruhestand bei 65 Jahren. Das tatsächliche Renteneintrittsalter liegt aber weit darunter. Im Schnitt setzen sich die Bundesbürger mit 60 zur Ruhe. Und das ist nach Angaben des Instituts für Wirtschaftsforschung (IW) schon seit 30 Jahren so. Die Lebenserwartung der 60-jährigen Männer habe sich in dieser Zeit aber um 4,2 Jahre erhöht, die der Frauen um 4,7 Jahre. Ruhegehälter müssten also für eine längere Zeit gezahlt werden.

Unabhängig davon, ob und wie die Rürup-Vorschläge am Ende umgesetzt werden, steht fest: Die Erwerbstätigen werden sich darauf einstellen müssen, länger zu arbeiten. „Wer einem langen Leben entgegensieht, sollte unter normalen Umständen in der Lage sein, ein paar Jahre mehr selbst für seinen Lebensunterhalt zu sorgen und das soziale Netz erst später in Anspruch nehmen“, meint das IW.

Auch das Statistische Bundesamt hat ermittelt, dass ein späterer Renteneintritt die Alterslast spürbar mindern und somit die Rentenkassen entlasten würde. Bei einem Rentenalter von 60 Jahren kämen nach Berechnungen der Statistiker im Jahr 2050 rund 78 Rentner auf 100 Erwerbsfähige. Beim heutigen gesetzlichen Rentenalter von 65 Jahren wären es nur 55, bei einem Rentenbeginn mit 67 Jahren sogar nur 48 Rentner pro 100 Erwerbsfähige.

In der neuen Ruhestandsdebatte rund um die Rürup-Vorschläge wird gern übersehen, dass es um eine Heraufsetzung von jährlich nur einem Monat geht, die erst im Jahr 2034 voll verwirklicht ist. Arbeitnehmer des Geburtsjahrganges 1946 also müssten zunächst einen Monat länger arbeiten. Erst der Jahrgang „69" müsste erstmals die vollen zwei Jahre länger arbeiten. Arbeitnehmer, die vorher in Ruhestand gehen, müssten aber weiter Rentenabschläge hinnehmen. Derzeit kann ein Arbeitnehmer frühestens mit 60 Jahren in Rente gehen - bei einer Kürzung seines gesetzlichen Altersbezugs um 18 %. Bei einem Durchschnittsverdiener wären dies immerhin etwa 190 €. Geht auch die Frau früher in Rente, würden ebenfalls Abschläge - wenngleich derzeit noch niedrigere - zu Buche schlagen.

Die auch intern noch eine einheitliche Linie suchenden Parteien plädieren bisher vor allem dafür, die Frühverrentung zu stoppen und zunächst das tatsächliche Eintrittsalter dem gesetzlichen anzunähern. Wie, wird teils offen gelassen. Die SPD sieht auch die Unternehmen in der Pflicht. Ältere müssten im Betrieb bleiben können und nicht schon mit 55 oder sogar 50 chancenlos in der Arbeitslosigkeit landen.

In CDU und FDP wird auch dafür plädiert, die Rente an eine Lebensarbeitszeit - etwa 45 Jahre - zu koppeln. Wer früher anfängt zu arbeiten, könne auch früher in Rente gehen. Mit der Folge allerdings, dass Akademiker bis zum hohen Alter von 68 oder 70 arbeiten müssten. Daher müsste auch der Berufsbeginn - etwa durch ein 12-Jahres-Abitur oder kürzere Studienzeiten - gedrückt werden.

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