Gesundheitswesen
Horror – eine Pflegekraft für 26 Patienten

Miserable Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung und ein unsicherer beruflicher Status machen Deutschlands Pflegekräfte körperlich und seelisch krank. Das Ausmaß sei erschreckend, heißt es im Gesundheitsreport der BKK.
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BerlinEr habe gewusst, dass es schlimm ist. „Aber dass Pflegekräfte in Deutschland so viel öfter als die Beschäftigten anderer Branche im Job arbeitsunfähig werden, habe ich mir nicht vorstellen können“ sagt Franz Knieps, Vorstandschef des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen. „Das Ausmaß ist erschreckend.“ Wenn man sich die Zahlen des Reports ansieht, kann man tatsächlich ins Grübeln kommen. Wie kann es sein, dass in einer Boom-Branche, wo der Fachkräftemangel jeden Tag  größer wird, krank machende Arbeitsbedingungen und Niedriglöhne noch immer so weit verbreitet sind und trotzdem immer mehr Frauen den Weg in diese Berufe suchen. Mehr als jeder zehnte Arbeitnehmer in Deutschland hat inzwischen einen Gesundheitsberuf, insgesamt 3,2 Millionen - etwas weniger als die Hälfte davon in der Pflege.

Während über alle Branchen seit 2013 die Beschäftigtenzahlen um 5,9 Prozent gestiegen sind, gab es bei den Fachkräften in der Altenpflege  einen Zuwachs von 14,2 Prozent und bei den Pflegehelfern sogar von 16,8 Prozent. In der Krankenpflege lagen die Zuwachsraten mit sieben Prozent für die Krankenhelfer und 4,7 Prozent für die Krankenpfleger deutlich niedriger. Das hat auch damit zu tun, dass die Krankenhäuser aus Kostengründen die Personaldecke straff halten, weiß Sylvia Bühler, Vorstandsmitglied bei der Gewerkschaft Verdi.

Sie berichtete am Mittwoch in Berlin über eine Pflegekraft, die allein für eine ganze Abteilung zuständig war, sich irgendwann einfach nicht mehr zu helfen wusste und mit der Nummer 112 die Feuerwehr zu Hilfe holte. Ähnliches komme immer wieder vor, schildert sie und verdeutlich die Not an einer ganzen Kaskade von Zahlen: In Deutschland sei eine Pflegefachkraft pro Schicht für durchschnittlich 13 Patienten zuständig, in den Niederlanden für sieben. In der Nachtschicht sind es durchschnittlich 26. Die Beschäftigten in den Krankenhäusern machen notgedrungen Überstunden ohne Ende: Nach einer Erhebung von Verdi im vergangenen Jahr schieben die Beschäftigen in den Kliniken einen Berg von 35,7 Millionen Überstunden vor sich her, 32,5 pro Kopf. Vor allem in der Altenpflege werde schlecht bezahlt.

Mit 1.945 Euro brutto im Osten und 2.548 Euro brutto im Westen legen die Einkommen für eine Vollzeitstelle im Durchschnitt um 21 Prozent unter dem Niveau in der Krankenpflege. Auch bei Vollzeitarbeit drohe daher vielen Altenpflegekräften Armut im Alter. Zum Vergleich: Das Durchschnittsgehalt über alle Branchen liegt bei 3.462 Euro brutto. Bis zu 70 Prozent der Pflegekräfte arbeiten aber in Teilzeit, obwohl viele von ihnen lieber voll arbeiten würden. „Das wollen die Arbeitgeber aber oft nicht, weil Teilzeitkräfte flexibler einsetzbar sind.“

Das Schlagwort von der  kapazitätsorientierten Arbeitszeit, einst zur Beschreibung des flexiblen Arbeitseinsatzes auf Zuruf des Chefs im Einzelhandel erfunden, feiert in der Pflegebranche fröhliche Urstände vor allem in der Altenpflege. Ist es ein Zufall, dass in beiden Branchen der Frauenanteil unter den Beschäftigten besonders hoch ist? 46 Prozent aller Beschäftigten sind Frauen. In der Pflege sind es mehr als 80 Prozent. Im Einzelhandel sind es knapp 70 Prozent.

Hinzu kommt: Viele Pflegekräfte werden nur befristet eingestellt. Der Anteil der Leiharbeitnehmer ist zwar nicht höher als in anderen Branchen. Dafür ist ihre Bezahlung besonders schlecht und so müssen oft die schwereren Arbeiten erledigen. Generell ist die Arbeit in der Pflege körperlich und seelisch deutlich belastender als andere Tätigkeiten. In Deutschland sind sie laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) besonders schlecht im Vergleich zu anderen Industrieländern.

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