Gewerkschaftschef
Bsirske gibt den Klassenkämpfer

Der Steuermann der Gewerkschaft Verdi hat die Republik mit einer Warnstreikwelle aufgewühlt. Seine harte Linie sichert ihm die Zustimmung der Arbeitnehmer - in Wirtschaft und Politik hat er sich damit unbeliebt gemacht.
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BerlinWer? Zirske? Da waren auf dem Leipziger Gewerkschaftstag auch die Delegierten nicht ganz im Film. Tags zuvor hatte Herbert Mai überraschend seinen Rücktritt vom Vorsitz der Gewerkschaft Öffentliche Dienste Transport und Verkehr (ÖTV) erklärt. Eine Nacht lang wusste eine zermürbte und zerstrittene Organisation nicht, wer sie nun führen sollte.

Dann trat da ein freundlich dreinblickender Herr mit Schnauzbart, kurzfristig aus Hannover herbeigeeilt, auf den Plan. Dieser Herr, Frank Bsirske mit vollem Namen, redete, beschwor den Zusammenhalt, attackierte die Bundesregierung. Und wurde direkt mit einem Traumergebnis von 95 Prozent zum neuen Chef gewählt. Das war am 9. November 1999. Von da an stieg sein Bekanntheitsgrad blitzartig. Bsirske trieb die Pläne für eine Fusion der ÖTV mit vier weiteren Gewerkschaften beherzt voran. Zwei Jahre später entstand daraus die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi – und Bsirske wurde zum Chef der größten Gewerkschaft der westlichen Welt.

Wer ist dieser Herr Bsirske? Wenn sich ein prägendes Motiv durch seine mittlerweile gut zwölfjährige Amtszeit zieht, dann der Gegensatz. Der studierte Politikwissenschaftler, der sich als Sohn eines VW-Arbeiters und einer Krankenschwester aus einfachsten Verhältnissen hochgearbeitet hat, versteht sich darauf, mit Gegensätzen Politik zu machen. Und das Grünen-Mitglied ist dabei selbst so etwas wie der personalisierte Gegensatz. Der Mann war drei Jahre lang Personaldezernent der Stadt Hannover, also Arbeitgeber.

Den offenen Gegensatz treibt er im öffentlichen Dienst gerade wieder für alle sichtbar auf die Spitze. Dass Verdi eine Tarifrunde mit heftigen Warnstreiks begleitet, gehört im Prinzip zwar zum Geschäft, wie es alle Gewerkschaften betreiben. Bsirske, der nach Schätzungen rund 14.000 Euro im Monat verdient, setzt aber eins drauf, indem er sich sprachlich einen kalkulierten Schritt in Richtung einer Generalstreiksrhetorik bewegt. Er spitzt die Auseinandersetzung mit den Arbeitgebern zur politischen Auseinandersetzung zu – Arm gegen Reich, Unten gegen Oben, Staat gegen Markt.

In den eigenen Reihen kommt Bsirske damit gut an. Gerade erst wurde er wieder mit 95 Prozent im Amt bestätigt. Die meisten anderen aber bringt er damit genauso wirksam gegen sich auf. Allen voran Wirtschaftsführer und -politiker, für die er seit Beginn eine spezielle Hassfigur ist. Ohnehin angewidert von seiner „linken“ Rhetorik, kreideten sie dem Verdi-Chef 2001 gleich an, im Tarifstreit des öffentlichen Dienstes einen Streik am Frankfurter Flughafen zugelassen zu haben – obwohl er doch auch Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat der Lufthansa war. Die Empörung darüber ging so weit, dass dem Aufsichtsratsvize Bsirske auf der Lufthansa-Hauptversammlung 2003 die Entlastung verweigert wurde.

Kommentare zu " Gewerkschaftschef: Bsirske gibt den Klassenkämpfer"

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  • Was für eine Perversion von"Arbeitskampf":
    Da werden Tarifverhandlungen für Angestellte der Länder und Kommunen geführt und diese treten in "Warnstreik" (Was ist das eigentlich - Streik oder Nichtstreik?). Die betroffenen Arbeitgeber trifft die Wucht des Arbeitskampfes.

    Gleichzeitig werden die Angestellten der Flughäfen zu "Warnstreiks" aufgerufen, obwohl für diese gar keine Tarifverhandlungen anstehen. Die betroffenen Arbeitgeber (LH, Fraport, alle internationalen Airlines etc) und Tausende von Flugreisenden werden geschädigt und kein Arbeitsrichter verbietet das? Diese Machtkonzentration in der Hand von politisch ambitionierten Gewerkschaftsführern gehört verboten. Die gerechte Lösung hiesse: 1 Unternehmen = 1 Gewerkschaft. Damit würden Schäden durch unkontrollierbare Hebelung zukünftig vermieden.

  • Ich hoffe Herr Bsirske zahlt seinen Gewerkschaftsangestellten auch 6% mehr Gehalt...ich kann Gewerkschaften nicht ab; alles falsche Fuffziger...


  • Der Funktionär Bsirske, der gern den Anwalt des kleinen Mannes spielt, verdient sein Geld u.a. im Aufsichtsrat der Deutschen Lufthansa.

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