Griechenland-Krise
„Es wird ein viertes Hilfspaket geben“

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„Schuldenerleichterung noch in diesem Jahr“

Umsetzungsrisiken sieht Krämer vor allem bei der Privatisierung, dem Eintreiben von Steuern und dem Abbau des überdimensionieren öffentlichen Dienst. Die vereinbarten Haushaltsüberschüsse vor Zinszahlungen nannte der Commerzbank-Chefökonom reine Absichtserklärungen. „Wenn die Wirtschaft 2017 nicht wie angenommen um 2,3 Prozent wächst, wird der Primärüberschuss nicht auf 1,75 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen", sagte Krämer.

Auch der Chefvolkswirt der DZ Bank, Stefan Bielmeier, sieht die Hellenen noch vor großen Herausforderungen. „Leider wurde der erfolgreiche Reformprozess mit dem letzten Wahlausgang beendet und viele der bereits mühsam erarbeiteten Erfolge wurden wieder zurückgenommen. Somit sind die Herausforderungen für Griechenland in den letzten Monaten wieder deutlich größer geworden“, sagte Bielmeier dem Handelsblatt. Insgesamt gingen die vereinbarten Programmpunkte zwar in die richtige Richtung. „Jedoch sollte man hiervon keine Lösung der Probleme Griechenlands erwarten“, fügte der Ökonom hinzu. „Vielmehr ist das die Fortsetzung eines relativ langen Weges, der zuletzt wieder länger geworden ist.“

Griechenland hat aus Bielmeiers Sicht grundsätzlich zwei Probleme. Zum einen die schwache wirtschaftliche Basis und das nur unzureichend definierte Geschäftsmodell der griechischen Wirtschaft. Und zum anderen eine ineffiziente Verwaltung. Letzteres könne man nur durch eine Verbesserung der Verwaltung angehen. Die vorliegenden Vorschläge seien ein erster Schritt in die richtige Richtung. In den den kommenden Jahren müssten jedoch noch weitere Verbesserungen vorgenommen werden, um die Effizienz der Verwaltung auf ein angemessenes Niveau zu heben, so Bielmeier.

Die Anpassungen der Ziele für die Überschüsse der Leistungsbilanz hält Bielmeier für realistisch und die neuen Ziele könnten ebenfalls erreichbar sein. "Um ein tragfähiges Wirtschaftsmodell zu erreichen, sind in Zukunft aber auch noch kräftige Investitionen in die wirtschaftliche Struktur notwendig", fügte der DZ-Bank-Chefökonom hinzu.

Nach Einschätzung von IMK-Direktor Horn wird das geplante dritte Hilfspaket für Griechenland seine beabsichtigte Wirkung weitgehend verfehlen. Deshalb werde ein weiteres Hilfspaket nötig werden. Um die Wirtschaft zu beleben, seien auch Nachfrageimpulse wie Investitionen notwendig. Davon sei aber beim dritten Hilfspaket ebenso wenig die Rede, wie von einer Entlastung beim Schuldendienst. „Damit ist der Weg zum vierten Hilfsprogramm vorgezeichnet“, sagte Horn dem Handelsblatt.

„Das dritte Rettungspaket funktioniert nach dem Motto Mehr vom Gleichen, aber in geringerer Dosis“, analysierte der IMK-Chef. Auch dieses Hilfsprogramm bestehe im Kern aus Ausgabenkürzungen, Steuererhöhungen in Verbindung mit längerfristig wirkenden Strukturreformen und Privatisierungen. Vor allem aber werde der Bankensektor rekapitalisiert. „Keine dieser Komponenten wird die zusammengebrochene Binnennachfrage beleben“, sagte Horn. „Allein die Dosis hat sich gegenüber früheren Austeritätsprogrammen vermindert, so dass der zu erwartende Einbruch nicht so scharf ausfallen dürfte.“

DIW-Chef Fratzscher schlägt deswegen einen Wachstumsimpuls für das krisengebeutelte Land vor: „Keine der Reformen des dritten Programms wird die Wirtschaft kurzfristig deutlich stärken können.“ Deshalb solle Europa ein Investitionsprogramm für Griechenland planen, das Beschäftigung und Wachstum nachhaltig stärke.

„Ohne eine Schuldenerleichterung wäre eine Zustimmung und Beteiligung des IWF nicht möglich. Ich erwarte, dass es eine Schuldenerleichterung noch in diesem Jahr geben wird.“ Laut EU-Kommission ist die Grundsatzeinigung bisher allerdings nur auf Arbeitsebene erreicht worden. Auf politischer Ebene steht sie demnach noch aus. Trotzdem zeigt der Fortschritt bereits erste positive Auswirkungen.

Kommentare zu " Griechenland-Krise: „Es wird ein viertes Hilfspaket geben“"

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  • Wer intellektuell begriffen hat, wie etwas funktionieren könnte, braucht lange nicht befähigt sein, dieses auch praktisch umzusetzen. Arbeitsteilung und Spezialisierung sind manchmal taube Blüten. "Wachstum"? Wenn dies nicht die statistische Messung von Erlössummen bedeutet, kann kein Mensch sagen, was das ist.
    Wenn Bedarf und Befriedigung eine Sättigung erfahren, ist Wachstum gleichbedeutend mit Verschwendung oder treffender: mit Schädigung.
    Als Konstrukt: Wenn das Weltbedarfsvolumen durch Leistungen summarisch gedeckt wäre, würde die ungleiche Verteilung von Mangel und Überfluss führen. Wenn nur regional der Mangel durch reginales Wachstum abgestellt werden soll, erhöht sich der Gesamtüberschuss, also die Verschwendung. Eine neue "Blase" wäre zum Platzen gereift.
    Durch welche Produkte und Dienstleistungen könnte also Griechenland "wachsen", die nicht in Konkurrenz zu Dumpingpreisen eines Überschusses stehen?
    Der "Export" von Tourismus steht im Wettbewerb zu den Nachbarländern und konträr zu den damit verbundenen Importpflichten von Waren und Gütern.
    Die Binnenproduktion der für den Tourismus benötigten Waren und Güter müsste aber vorfinanziert werden und einen Preiswettbewerb gewinnen. Werden Überschüsse verramscht geht es nur um RefinanzierungsAnteile und nicht um den Zwang zur Kostendeckung. Keine Chance für Griechenland.
    Bleibt die Binnenwirtschaft. Angebote vs. Kaufkraft. Infrastruktur vs. zusätzliche Erlöse.
    Und über allem soll noch der Erlösbonus zur Kredittilgung liegen? Sehr zweifelhaft.

    Das ist die theoretische Ebene der Ökonomen.
    Die praktische Ebene liegt in der Verantwortung von Unternehmern.
    Die fühlen sich aber von der regulativen Ebene der Politik gegängelt. Wer soll der Politik vertrauen?
    Erst wenn Politik das Risiko der Verlässlichkeit eingeht, geht der Unternehmer das wirtschaftliche Risiko ein. Den theoretisierenden Ökonomen braucht kein Mensch.

  • Die Chefökonomen der Banken, der EZB, des IWF usw. sowie der Wirtschaftsexperten der Medien und Nachrichtenagenturen haben also bis heute keine Ideen, wie die Wirtschaft in Griechenland wieder wachsen kann. Griechenland braucht doch nur 10 Prozent jährlich wachsen, damit es 2023 ein BIP von 350 Milliarden Euro erzielt. Bei gleichbleibenden Staatsschulden läge der Schuldenstand unter 100 Prozent und die Schuldentragfähigkeit wäre wieder hergestellt. Das ist doch ganz einfach. Warum versteht das denn keiner der Experten?
    Die Frage, die Beantwortet werden muss. lautet deshalb ganz einfach: Wie kann so viel Geld von privaten Investoren, Banken, Versicherungen, Fond und Privatpersonen bzw. Unternehmen akquiriert werden, damit 10 Prozent Wachstum jährlich erreicht werden. Werden diese Frage Banken Versicherungen, Fonds und Privatpersonen nicht beantworten können?

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