Grüne, Wirtschaft und Gewerkschaften vermissen Gesamtkonzept für mehr Qualität
Kultusminister legen erstmals Bildungsstandards vor

Als Antwort auf das schlechte Abschneiden deutscher Schüler bei internationalen Vergleichen haben die Kultusminister am Donnerstag erstmals bundesweit gültige Bildungsstandards für die Fächer Mathematik, Deutsch und die erste Fremdsprache für Realschulen auf den Weg gebracht.

BERLIN. Diese Standards legen fest, welche Fähigkeiten und Kenntnisse die Schüler zu einem bestimmten Zeitpunkt haben sollen, um so den Schulen eine Orientierung zu geben. Sie sollen im Sommer 2004 in Kraft treten.

Grundsätzlich herrscht in Politik und Forschung Übereinstimmung, dass solche Standards, wie es sie etwa bei den Pisa-Siegern Finnland oder Kanada gibt, sinnvoll und nötig sind, um das deutsche Schulsystem zu verbessern. Die Vorgaben der Kultusminister stießen jedoch auf heftige Kritik von Gewerkschaften, Grünen und Wirtschaft.

Sie seien zwar ein wichtiger Schritt zur Modernisierung des Schulsystems, müssten aber „ in ein Gesamtkonzept zur Qualitätsverbesserung eingebettet werden“, sagte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Er appellierte an die Politik, Instrumente des Qualitätsmanagements in Schulen sowie Fortbildungsangebote für Lehrkräfte bereit zu halten und die Hilfestellung der Wirtschaft anzunehmen. Andernfalls droht ein stereotypes und durchreguliertes „Lernen für die Prüfung". Statt dessen müssten Schulen eigenständig entscheiden, wie sie den durch Standards definierten Bildungserfolg erreichen und dafür vom bürokratischen Korsett detaillierter Lehrpläne, Stundentafeln und ministerieller Erlasse befreit werden.

Schärfer urteilte die Vorsitzende der Gewerkschaft, Erziehung und Wissenschaft, Eva-Maria Stange. Die Standards könnten so nicht wirken, weil ein erkennbares Gesamtkonzept fehle. Zudem müsse man sich „endlich über Parteigrenzen hinweg auf nationale Bildungsziele verständigen“. Standards sollten unabhängige Wissenschaftler in einer nationalen Agentur entwickeln. Diese sollten auch die Erfüllung der Standards regelmäßig überprüfen.

Auch die Kultusminister wollen eine Agentur gründen. Eine nationale einheitlich Überprüfung der Standards ist bislang nicht vorgesehen, die Rede ist nur von möglichen „länderübergreifenden“ Prüfungen.

Die Standards sollten „Orientierungsmaßstab sein, nicht der Perfektionierung der Auslese junger Menschen dienen“, forderte Stange. Schulen stattdessen mit Tests und Rankings zu überziehen, wie in einigen Ländern absehbar sei, verschärfe das Problem. „Das Schulsystem muss auf den Prüfstand, nicht die individuelle Leistung von Schülern.“

Im Frühjahr 2004 wollen die Kultusminister weitere Standards für den Hauptschulabschluss, die 4. Jahrgangsstufe der Grundschule und weitere Fächer für den Mittleren Schulabschluss vorlegen. Im Sommer 2004 sollen sie in die Praxis umgesetzt werden. Die Grünen fordern jedoch ebenso wie die GEW gleiche Standards für alle Schularten. Im Gegenzug zu den nationalen Tests einer unabhängigen Agentur müssten die Schulen wesentlich mehr Freiheit erhalten, sagte die bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Grietje Bettin.

Grünen-Vorsitzender Reinhard Bütikofer sagte in Berlin, eine umfassende Erneuerung des Bildungssystems gehe nicht ohne die Parlamente der Länder, die daran beteiligt werden müssten. Das sei bislang versäumt worden, ebenso wie die Einbeziehung von Lehrern, Schülern und Eltern.

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) hat unterdessen die Länder angesichts des Rekords von mehr als zwei Millionen Studenten vor Kürzungen an den Hochschulen gewarnt. Es gehe darum, die Studienbedingungen zu verbessern und die Studienabbrecherquote zu verringern.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%