Grüne Woche
Produkt-Schwindel mit staatlichem Siegel?

Das Bundesverbraucherministerium stellt das „Regionalfenster“ zur Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln vor. Doch die Verbraucherorganisation Foodwatch meint: Lebensmittel-Lobbyisten werden so beim Schwindeln gedeckt.
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DüsseldorfBei Verbraucherorganisationen macht sich Enttäuschung breit. Das von Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) angestoßene „Regionalfenster“, das regionale Produkte kennzeichnen soll, entpuppt sich in ihren Augen als Farce. Auf der Agrarmesse „Grüne Woche“ in Berlin wurde die Initiative am Donnerstag vorgestellt.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch wirft dem Ministerium vor, „Etikettenschwindler“ zu decken, da das „Regionalfenster“ bloß ein freiwilliges Siegel vorsieht. Schinkenproduzent Jürgen Abraham, Vorstandvorsitzender der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), könne so seinen „Schwarzwälder Schinken“, der auch Fleisch aus Dänemark beinhaltet und zum Teil in Niedersachsen hergestellt wird, ungestört als regionales Produkt verkaufen. Eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung gibt es nämlich weiterhin nicht.

Auch Lebensmittelhersteller wie die Coop e.G., die Kaffee unter der Marke „unser Norden“ vermarktet oder Granini, die Früchte aus Mittelamerika in ihren „Heimischen Säften“ verwendet, können ihre Produkte weiterhin unter irreführenden Kennzeichnungen anbieten.

„Für den Verbraucher wird die Verwirrung durch ein weiteres, unverbindliches Siegel nur noch größer statt kleiner“, kritisiert Oliver Huizinga, Experte für Lebensmittelwerbung bei Foodwatch.

Das Ministerium weist die Kritik zurück. Die EU-Kommission prüfe eine verpflichtende Herkunftsangabe für verarbeitete Lebensmittel, was die deutsche Regierung unterstütze. Doch solange die Kommission nicht entschieden habe, dürfe auch kein EU-Mitgliedsstaat die verpflichtende Kennzeichnung im Alleingang einführen. Wie lange die EU-Kommission für die Ausarbeitung der verpflichtenden Herkunftsangabe brauchen wird, ist jedoch unklar.

So greift das neue Siegel auch als Übergangslösung nicht weit genug und wirft neue Streitpunkte auf. Laut dem „Regionalfenster“ kann ein regionales Gebiet auch grenzüberschreitend, aber nicht größer als die Gesamtfläche Deutschlands sein. Theoretisch könnte ein Lebensmittelhersteller in München nun auch Zutaten aus Mittelitalien beziehen und das Produkt dann als „regional“ bewerben.

Für die Verbraucher bedeutet das noch mehr Unklarheit im Supermarkt. Laut einer Studie, die die Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) in Auftrag gegeben hat, haben 72 Prozent der Befragten das Gefühl, dass auf Lebensmittelverpackungen falsche Angaben gemacht werden. Weniger als die Hälfte versteht überhaupt, was die Kennzeichnung meint. Gerd Billen, Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverband fordert deshalb: „Nur wo Region drin ist, darf auch Region draufstehen. Regionalität darf nicht zum Marketingtrick verkommen.“

Das freiwillige Siegel des „Regionalfensters“ schafft in diesem Fall keine Abhilfe. Zudem wird das „Regionalfenster“ nicht vom Ministerium selbst betrieben, sondern nur finanziert. Die Durchführung liegt in der Hand von Handelskonzernen wie Rewe oder Edeka. Das erfährt man auf der Kennzeichnung aber nicht.

Annika Reinert
Esra Gürsel
Handelsblatt Online

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