Habermas, Bofinger, Nida-Rümelin
Wer hinter Gabriels Euro-Vorstoß steckt

In der Euro-Debatte holt sich Sigmar Gabriel Hilfe von drei prominenten Wissenschaftlern. Ihre Ideen sollen die Wahlprogramm-Debatte der SPD beleben und sorgen schon für Diskussionen. Wer sind die Vordenker?
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DüsseldorfKurzer Ausflug nach München: SPD-Chef Sigmar Gabriel macht eine Stippvisite beim Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas. Kurz darauf treffen auch Peter Bofinger, Wirtschaftsweise, und Julian Nida-Rümelin, ebenfalls Philosoph, ein. Heraus kommt ein Beitrag zur Programmdiskussion der SPD. In dem Artikel, der in der FAZ veröffentlicht wurde, schlagen die Wissenschaftler die Vertiefung der europäischen Integration vor, um die Krise zu überwinden. Gabriel jedenfalls scheinen dieser und andere Vorschläge zu gefallen, denn auch er will nun die Euro-Schuldenlast auf alle Euro-Länder verteilen. Wer aber sind die klugen Köpfe, die hinter den SPD-Ideen zur Bewältigung der Eurokrise stehen?

„Wirtschaftsweise“, Ökonomieprofessor, überzeugter Keynesianer: Peter Bofinger berät die Bundesregierung im Sachverständigenrat in Sachen Europa und Geldpolitik. „Wirtschaftsweise“ wurde er auf Vorschlag der Gewerkschaften. Der 59 Jahre alte Professor der Uni Würzburg vertritt einen Standpunkt, der unter Ökonomen selten geworden ist: Bofinger glaubt, dass sich viele der Wirtschaftsprobleme durch Nachfragepolitik lösen ließen. Das zeigte sich auch, als zu Schröder-Zeiten Agenda 2010 und Harz IV diskutiert wurden. Bofinger sprach sich gegen dagegen aus, weil die Reformen seiner Meinung nach die Nachfrageseite nicht unterstützten. Jetzt fordert er in einem Interview: „Wir brauchen für die Länder, die in der Rezession sind, eine Pause. Keine weiteren Sparmaßnahmen, solange die Wirtschaft nicht Tritt gefasst hat.“ Die Rückkehr zur D-Mark hält er hingegen für „eine ökonomische Katastrophe.“

Bofinger gilt als netter, als freundlicher Mann. Klar ist aber: Er kann auch anders. Das zeigte der Streit der Ökonomen: Der Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer hatte sich in einem Aufruf – neben weiteren 250 Ökonomen -  gegen die Beschlüsse des Euro-Gipfels zur Ausweitung des Rettungsschirms. Einer der prominentesten Unterzeichner ist Ifo-Chef Hans-Werner Sinn. Bofinger warf den Unterzeichnern vor, ihren Job verfehlt zu haben, sprach von „schlimmster Stammtisch-Ökonomie“.

Seine Texte gelten als Pflichtlektüre und er ist vielleicht einer der bekanntesten Philosophen und Soziologen der Gegenwart: Jürgen Habermas. Geboren 1929 in Düsseldorf, wurde Habermas 1964 Professor für Philosophie und Soziologie in Frankfurt am Main. Dort feierten ihn linke Studenten bald als Vordenker. Seitdem hat er an vielen Universitäten gelehrt – auch in den USA, viel publiziert, auch noch im Ruhestand.

Die Juristin und Publizisten Sibylle Tönnies schrieb anlässlich seines 80. Geburtstags über den Philosophen: „Kein Thema, das der große Mann nicht angefasst - und auch kein Thema, das er nicht liegen gelassen hätte - kein Standpunkt, den er nicht vertreten - aber auch wieder aufgegeben hätte.“ Nun hat Habermas, der auch Ökonomie studierte, Europa im Visier und fordert - gemeinsam mit seinen Kollegen – mehr Macht für Brüssel.

Er ist in Politik und Philosophie gleichermaßen Zuhause: Julian Nida-Rümelin. Unter Gerhard Schröder war er erster Kulturstaatsminister im ersten Kabinett, seit 2009 ist er Professor für Philosophie und Dekan an der Ludwig- Maximilians-Universität München.

Dass er sich jetzt gemeinsam mit seinen Kollegen zu Europas Zukunft zu Wort meldet, ist nicht ganz verwunderlich: Denn schon zuvor hatte er darauf hingewiesen, dass sich die europäischen Institutionen neuordnen müssen. Nun fordert Nida-Rümelin in dem Artikel mit Peter Bofinger und Jürgen Habermas auf seiner Internetseite: „Wir plädieren für die vertiefte Integration eines Kerneuropa. Nur so kann die gemeinsame Währung zu vertretbaren Kosten bewahrt werden und nur so kann das Demokratiedefizit behoben werden.“

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • In Zeiten, in denen die Krise zum Dauerphänomen geworden ist und sich mit Habermas, Bofinger, Nida-Rümelin eine Troika aus Philosophen und Ökonomen zu Wort meldet, schnürt die agora42 das Rettungspaket für alle, die die Krise besser verstehen wollen: Fünf Ausgaben, die die grundlegenden Begriffen unseres ökonomischen Selbstverständnisses erklären, zusammengestellt zu einem Paket: WACHSTUM - SCHULDEN - FORTSCHRITT - RISIKO - GELD

    Im Editorial der GELD-Ausgabe schreibt Richard David Precht: "In den Zeiten der Krise – in den Zeiten eines prognostizierten Untergangs sogar der westlichen Geldwertegemeinschaft – ertönt aus vielen Kehlen der Ruf nach einer neuen Ordnung der Finanzmärkte. Doch nicht nur die Regulation eines ungebändigten Marktes erscheint als das Gebot der Stunde. Nicht selten wird im gleichen Atemzug der Wunsch geäußert, die Menschen (wer auch immer dies ist) mögen ein anderes Verhältnis (was auch immer dies sein soll) zum Geld entwickeln."

    mehr: www.agora42.de

  • auch Weltökonom Trittin wäre ein würdiges Ratsmitglied. Und als Pressesprecher "Wer sind wir und doch nicht"-Philosoph Precht. Haben alle garantiert keine Ahnung von Ökonomie.

  • Wenn ich einen guten Philisophen lesen möchte, lese ich was von/über Aristoteles oder Sokrates Ideen, aber sicherlich nicht die anderen im Artikel genannten Strategen. Demnächst gilt auch noch der Unfug von Gabriel als "Philosophie". Das Wort bedeutet ja "Liebe zur Weisheit". Allein das verbietet die Nennung in einem Satz mit dem Politiker Gabriel. Und Bofinger ist ein recht sicherlich kein erstklassiger Ökonom, sondern klar die zweite Reihe. M.E. gehört er in die letzte.

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