Hamburg
„Ole hat es rausgeholt“

Die CDU bleibt an der Macht, wohl mit Hilfe der Grünen. Bei der SPD-Basis herrscht dagegen Titanic-Stimmung - Messer werden gewetzt und ein kleines Plus soll als Sieg verkauft werden. Die Wirtschaft mahnt unterdessen die Grünen, sich im Falle einer schwarz-grünen Regierungsbildung um mehr Wachstum zu kümmern.

HAMBURG. Ole von Beust ist die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Entspannt senkt er bei den Fragen der Journalisten leicht den Kopf. Gelassen zieht er in den Wahlstudios im Congress-Center von Mikrofon zu Mikrofon, arbeitet unaufgeregt alle Koalitionsspekulationen ab. Seine blauen Augen strahlen: Kein Wunder bei dem Ergebnis, das vor allem er, aber auch seine CDU eingefahren haben. Bei 42,5 Prozent war die schwarze Säule um Punkt 18 Uhr stehen geblieben. Rund fünf Prozentpunkte verloren, aber Schwamm drüber. Der amtierende Bürgermeister kann weiterregieren, kann sich den Regierungspartner frei auswählen, vielleicht sogar mit der ersten schwarz-grünen Koalition auf Landesebene Geschichte schreiben.

Seine CDU-Anhänger lassen ein paar Kilometer weiter ihrem Jubel freien Lauf. Das Ole-Team kriegt sich bei der Wahlparty in der Fischauktionshalle auf St. Pauli gar nicht mehr ein. Angst gehabt? "Nee, nie", sagt einer, der seit Wochen die Stimmung beim Straßenwahlkampf vom Rahlstedter Wochenmarkt bis zum riesigen Phoenix-Einkaufszentrum in Harburg hautnah erlebt hat. Doch dann kommt er doch auf Liechtenstein, Steuerhinterziehung und die Debatte über Arm und Reich zu sprechen. "Mit solchen Themen haben viele Hamburger die Christdemokraten als Wirtschaftspartei zwar nicht rational nachvollziehbar, aber gefühlsmäßig verbunden." Das könnte den Verlust der absoluten Mehrheit für die CDU erklären.

Aber sie bleibt stärkste Kraft. Und wer sich diesen Erfolg auf die Fahnen schreiben kann, ist für die Feiernden in der Fischauktionshalle schnell ausgemacht: "Ole hat es rausgeholt." Rein statistisch kennt ihn jeder in Hamburg, jeder Zweite wollte ihn bei Umfragen zum Bürgermeister wählen. Dass SPD-Chef Kurt Beck auch noch breite Schützenhilfe mit seiner rot-roten Hessen-Debatte geliefert hat - umso besser. "Die Angst vor dem kommunistischen Schreckgespenst hat die Hamburger CDU-Wählerschaft von den Sofas an die Wahlurnen getrieben", ist man sich einig.

Doch ein Wermutstropfen bleibt für den jung und frisch wirkenden Wahlsieger von Beust doch noch. So wie es aussieht, hat er nur eines seiner beiden Wahlziele erreicht: Er bleibt Bürgermeister - seine Drohung, sonst aus der Politik auszuscheiden, ist Vergangenheit. Doch wie es aussieht, konnte er eines nicht vermeiden: Es droht eine schwierige Regierungsbildung. Zwar gibt es keine eingepanzerten "hessischen Verhältnisse". Doch für ein schwarz-gelbes Bündnis reicht es nicht. Die Liberalen kämpfen den ganzen Abend mit der Fünf-Prozent-Marke. Bleiben die Grünen, die in Hamburg GAL heißen, und die Sozialdemokraten. Mit den Linken will keiner etwas zu tun haben. Sagen jedenfalls alle.

Bei der SPD-Basis herrscht Titanic-Stimmung. Bis kurz vor Schließung der Wahllokale war den Hamburger Genossen trotz des von Michael Naumann zur Schau gestellten Selbstbewusstseins klar: Die Beck-Debatte kam zum ungünstigsten Zeitpunkt. Entsprechend sauer zeigten sich die Wahlkämpfer: "Diese Debatte ist gegenüber der Hamburger SPD extrem rücksichtslos", beschwerte sich Hamburgs langjähriger SPD-Bürgermeister Henning Voscherau. Bei der Wahlparty im Kurt-Schumacher-Haus in St. Georg wetzen manche schon die Messer: "Beck muss uns eine plausible Antwort geben, warum er eine solche Debatte kurz vor der Hamburg-Wahl angezettelt hat." Spitzenkandidat Naumann wirkt dagegen überraschend euphorisch, so als ob ihm eine große Last von den Schultern gefallen sei: Unter den Volksparteien sei die SPD die einzige, die zugelegt hat, sagt er.

Der Bundesvorsitzende der Grünen, Reinhard Bütikofer, treibt inzwischen den Preis für eine schwarz-grüne Koalition nach oben und erklärt kurzerhand die Hamburger CDU-Politik für inakzeptabel. Doch sowohl aus seiner als auch Sicht der Bundes-CDU wäre eine solche Verbindung strategisch mehr als interessant. Grüne und CDU würden die Tür zu einer weiteren Bündnisoption weit aufstoßen. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla hält sich deshalb auch nicht zurück: Eine schwarz-grüne Koalition sei möglich, verkündet er nahezu euphorisch. Ole von Beust gibt sich gelassen und lässt sich alle Optionen offen: "Meine Aufgabe ist es nicht, in Geschichtsbücher einzugehen", sagt er über das Projekt, das auf Landesebene ein Novum wäre. Man werde nun zügig Gespräche mit Grünen und SPD beginnen.

Als Stolperstein für ein schwarz-grünes Bündnis könnte sich das von der CDU geplante Kohlekraftwerk erweisen. Außerdem gibt es Streit über das Wattenmeer als Weltnaturerbe und über die Schulpolitik. Doch je später der Abend, desto mehr wird klar: Unverhandelbar ist das alles nicht. Die Entscheidung trifft zudem immer eine Landesmitgliederversammlung - und die Grünen-Basis stimmt bekanntlich ganz gern anders als die Parteispitze.

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