Hendricks besucht Lubmin
Begeistern für den Kernkraftwerks-Rückbau

Bundesumweltministerin Hendricks besucht Lubmin. In dem Badeort wird seit bald 20 Jahren ein ehemaliges Kernkraftwerk zurückgebaut. Es ist das größte deutsche Stilllegungsprojekt eines Meilers. Doch es fehlen Fachkräfte.
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LubminAm Ende muss das Kraftwerk in diese blechernen Boxen passen, eine kaum größer als ein Umzugskarton. Hier, in der Zentralen Aktiven Werkstatt im ehemaligen Kernkraftwerk nahe des Ostseebades Lubmin, werden alle Bauteile der riesigen Anlage auf Kontamination überprüft, anschließend zerkleinert, geschreddert, gesäubert, damit sie in diesen blechernen Boxen freigemessen werden und das Gelände als Wertstoff verlassen können. Radioaktive Abfälle sollen so wenige wie möglich übrig bleiben.

Ein mächtiger Aufwand, ja, „aber nur so“, sagt Bundesumweltministerin Barbara Hendricks in ihrem weißen Strahlenschutzanzug, „kann man den Rückbau eines Atomkraftwerks verantwortungsbewusst betreiben“.

Die SPD-Politikerin besuchte am dritten Tag ihrer Sommerreise am Mittwoch Nachmittag das ehemalige Kernkraftwerk Greifswald nahe des Ostseebades Lubmin. Hier findet der größte Rückbau eines Kernkraftwerks in Europa statt, seit Stilllegungsgenehmigung 1995. Für den ehemaligen Vorzeigebetrieb der DDR war nach dem Fall der Mauer schnell Schluss, die insgesamt fünf Reaktorblöcke wurden schon 1990 abgeschaltet.

Tag für Tag fressen sich Bandsägen maschinengesteuert durch radioaktiv belastete Materialien aus Stahl, Männer mit Atemmasken und Schutzanzügen säubern kontaminierte Oberflächen per Hochdruckreiniger. Wo Wasser oder Granulat nicht reicht, wird Phosphor- oder Oxalsäure eingesetzt.

„Das meiste bekommen wir sauber“, heißt es stolz in Lubmin. Der endzulagernde Abfall beläuft sich auf weniger als 10.000 Tonnen, nur 1,5 Prozent der Ausgangsmasse, sagt Henry Cordes, Vorsitzender der Geschäftsführung der bundeseigenen Energiewerke Nord GmbH, die den Rückbau des Reaktors betreibt.

Hendricks sieht schon den nächsten deutschen Exportschlager. Schließlich sind in den nächsten Jahren nicht nur in Deutschland Atommeiler zurückzubauen. Auch dort, wo es keinen Rückzug von der Kernkraft gibt, hätten die Reaktoren eine natürliche Lebenszeit von etwa 50 bis 60 Jahren.

Das Problem: mangelnde Fachkräfte. „Junge Leute für eine Branche zu gewinnen, die abgeschaltet wurde, ist eine ganz ganz große Herausforderung“, sagt Cordes. Das Durchschnittsalter im Lubminer Meiler liege bei 52 Jahren. „Wer studiert schon noch Kerntechnik?“ fragt Hendricks und begründet das mit dem jahrelang schlechten Image von Atomkraft in Deutschland. Jetzt aber gehe es doch um die Beseitigung der ungeliebten Meiler. „Wir müssen denen sagen, wir brauchen euch für den Rückbau.“

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  • Herr Knoll, korrekter ist Transmutation ist die fiktive Lösung eines fiktiven Problems.

    Grundsätzlich sind die Mengen radioaktiver Abfälle bei der Nutzung der umweltfreundlichen Kernenergie im Vergleich zu den chemotoxischen Abfällen der Kohleverbrennung, oder umweltschädlicher Solaranlagen sehr, sehr gering. Das aktuelle Spektakel steht in keinem sachlichem Verhältnis zu Risiken und Auswirkungen.

    Eine Realisierung der Transmutation ist in der Tat unwahrscheinlich. Die Länder in denen ein religiöser Atomstrahlenglauben herrscht wollen sicherlich nicht die erfolgreiche Legende einer "ungelösten Endlagerfrage" beseitigen. Die Länder die aktuell moderne Kernkraftwerke bauen, haben wichtigere Herausforderungen als fiktive Probleme zu hohen Kosten zu lösen.

    Grundsätzlich ist die Transmutation lediglich für hochradioaktiven, abgebrannten Kernbrennstoffs angedacht. Hierzu muss dieser zunächst wiederaufbereitet werden. Der wiedergewonnene Kernbrennstoff, ca. 95% des abgebrannten Kernbrennstoffs gewonnen und kann als sog. MOX Brennstoff wieder genutzt werden. Die verbleibenden Transurane und einige kritische Spaltprodukte werden wiederum aufgetrennt und kritische Isotopen durch Neutroneneinfang gespalten, bw. in Nicht-radioaktive Isotopen überführt. Meines Erachtens eine sinnlose Verschwendung. Meines Erachtens wäre es sinnvoller die Spaltprodukte wiederum zu nutzen. 99Tc als Tracer in der Medizin, 137Cs in Nukidbatterien... Nach ca. 300 Jahren sind auch die radioaktiven Isotope der edlen Metalle, Silber, Rh, Ru, Palladium soweit zerfallen, dass man diese Edelmetalle vermarkten kann.

  • In der Presse schreiben es fehlen Fachkräfte und keine Stellen ausschreiben? Ziemlich traurig dass die Bundesumweltministerin vorbeikommt und man dennoch nichts für eine Verbesserung der Situation tut.

  • War ja klar, dass irgendeiner der hier versammelten aufrechten Deutschen wieder die Wende hin zum Flüchtlingsthema kriegt.
    Sagen Sie, erinnere ich mich recht, dass Sie auch mal geflohen sind?

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