Hessische Parteien küren Spitzenkandidaten
Hessen-SPD läutet Ende der Ära Ypsilanti ein

Die hessischen Volksparteien haben sich für den Wahlkampf in Stellung gebracht. Am Wochenende wählte die CDU erwartungsgemäß Ministerpräsident Roland Koch zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl am 18. Januar. Die SPD hob den bis vor kurzem unbekannten Landtagsabgeordneten Thorsten Schäfer-Gümbel auf den Schild und läutete damit auch das Ende der Ära Ypsilanti ein.

ALSFELD/HOFHEIM. "Wir stehen vor einem Wahlkampf in besonderen Zeiten", sagte Regierungschef Roland Koch auf dem CDU-Landesparteitag in Hofheim bei Frankfurt angesichts der stark schwächelnden Wirtschaft: "Es ist ein Wahlkampf um die Frage: Wer kümmert sich am erfolgreichsten und entschlossensten um jeden einzelnen Arbeitsplatz?"

Dass auch clever kalkulierte Wahlkampagnen schief gehen können, hat Koch vor einem Jahr gelernt. Damals funktionierte weder sein lautstarkes Trommeln gegen Jugendkriminalität noch sein Kreuzzug gegen Kommunisten, Sozialisten und Grüne. Doch nun wähnt sich Koch auf sicherem Terrain, denn der hessische Wahlkampf wird von Wirtschaftsthemen bestimmt - und da billigt ihm fast jeder eine hohe Kompetenz zu.

Einerseits. Andererseits plagt sich Koch mit miserablen Sympathiewerten herum. Könnten die Hessen den Ministerpräsidenten direkt wählen, erhielte der 50-Jährige nur 41 Prozent der Stimmen. Für den vor wenigen Wochen noch unbekannten Schäfer-Gümbel würden immerhin 34 Prozent der Wähler stimmen. Für einen Regierungschef, der zehn Jahre im Amt ist, sind derartige Zahlen alarmierend. "Eine Bewerbung bei 'Deutschland sucht den Superstar' dürfte bei mir erfolglos sein", gab Koch zu. "Den Wettbewerb um den beliebtesten Schwiegersohn werde ich möglicherweise auch nicht gewinnen." Er selbst empfahl sich den Delegierten als "einigermaßen erfahrenen Handwerker", der versuche, das Haus sturmfest zu machen.

Koch setzt darauf, dass Sachkompetenz und politische Stabilität den Wähler in wirtschaftlich instabilen Zeiten überzeugen - und weiß eine geschlossene Landes-CDU hinter sich. "Stabilität kann nur angeboten werden mit Geschlossenheit", sagte Koch. Mit 97,1 Prozent der Stimmen wählten die Delegierten Koch zum Spitzenkandidaten.

Angesichts des von der Hessen-SPD angerichteten Desasters scheint ein Wahlsieg von CDU und FDP den Wahlsieg als so gut wie sicher. Doch die SPD gibt sich noch nicht geschlagen. In einer eineinhalbstündigen Rede versucht Schäfer-Gümbel der Partei im nordhessischen Alsfeld die nötige Zuversicht einzuhauchen. Der 39-Jährige streift die jüngste Vergangenheit nur kurz. Der gescheiterte Machtwechsel von Parteichefin Andrea Ypsilanti, der unschöne Umgang mit den vier Abweichlern in der SPD-Landtagsfraktion schiebt der Spitzenkandidat forsch zur Seite.

Schäfer-Gümbel hat eigentlich keine Chance und setzt trotzdem auf Sieg: "Wir wollen gewinnen." Das imponiert den Delegierten. Dass der 39-Jährige ein guter Redner ist, über Sachkenntnis verfügt und sich Koch selbstbewusst entgegen stellt, lässt bei vielen die Hoffnung keimen, dass die Hessen-SPD von der Wahlkatastrophe noch einmal verschont bleiben könnte. In der Abstimmung über Listenplatz 1 erhielt Schäfer-Gümbel schließlich 96,7 Prozent.

Auch Bundesparteichef Franz Müntefering, der zur Unterstützung nach Alsfeld gereist ist, schaute nach seiner Rede mit demonstrativem Wohlwollen auf Schäfer-Gümbel. Der Thorsten sei nicht nur ein Mann mit eigener Meinung, sagte der SPD-Chef; er sei auch jemand, der Augenmaß dafür habe, "was geht und was nicht geht". Deutlich setzte sich Müntefering damit von Ypsilanti ab, die eher dafür stand, stets das Unmögliche zu wollen.

Wer den Verdacht hegte, Schäfer-Gümbel sei eine Art Strohmann, um für Ypsilanti die Wahlniederlage am 18. Januar zu kassieren, ist spätestens seit dem Wochenende eines Besseren belehrt. An dem Sohn eines Fernfahrers, der sich aus kleinen Verhältnissen hocharbeitete, wird bei der unvermeidlichen Neuaufstellung der hessischen SPD nach dem 18. Januar niemand vorbei kommen.

Die noch vor kurzem von der Hessen-SPD wie eine Erlöserin gefeierte Ypsilanti spielte in Alsfeld nur noch eine Nebenrolle. "Ich weiß, dass das heute einer der schwersten Parteitage in der Geschichte der hessischen SPD ist", sagte sie. "Viele wissen nicht, wie sie sich selbst motivieren sollen für diesen Wahlkampf." Es schien, als spreche sie über sich selbst. "Es gab Momente, da wollte ich das alles nicht mehr", sagte sie. Auf die Spitzenkandidatur hat sie freiwillig verzichtet. Doch das wird nicht reichen, weiß Ypsilanti: "Ich übernehme die Verantwortung für das Ganze, auch für das Wahlergebnis am 18. Januar."

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