Hubertus Heil
Vom Bundestagsabgeordneten zum Praktikanten

Eigentlich ist Hubertus Heil der stellvertretenden Fraktionsvorsitzende der SPD im Berliner Bundestag. Nun macht er ein Praktikum – und zwar im Maschinenbau. Mit einem klaren Ziel.

Oelde
In Jeans, Pullover und Jackett versucht er mit aller Kraft, die harte Masse in dem durchsichtigen weißen Behälter mit einem Stab umzurühren, aber es gelingt ihm nicht. Fragend schaut Hubertus Heil zu Reinhold Festge, dem Präsidenten des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Der ehemalige Geschäftsführer des Maschinenbau-Unternehmens Haver&Boecker drückt kurz auf einen Knopf durch den Weichmacher in den Behälter gegeben werden, und schon rührt der SPD-Vize mit seinem Holzstab ohne jeden Kraftakt in dem weißen Kunststoff.

In seinem zweitägigen Praktikum, soll der Wirtschaftsexperte Einblick in ein typisches deutsches Maschinenbau Unternehmen bekommen. Im beschaulichen Oelde, in der Nähe von Bielefeld, eignet sich das Familienunternehmen Haver&Boecker dafür ganz gut. Dass der langjährige Geschäftsführer der Drahtweberei nun Präsident beim Wirtschaftsverband VDMA ist, kommt ebenfalls nicht ungelegen. Dabei sind die Arbeiterpartei und der Mittelstand traditionell eher kein harmonisches Paar. Doch wenn Hubertus Heil den VDMA-Präsidenten dann aber in guter, alter Gerhard Schröder-Manier fragt, wo denn der Schuh drücke, ist der wirtschaftsfreundliche Kurs der SPD deutlich zu spüren.

Seit Monaten sind die Umfragewerte der Sozialdemokraten bei 25 Prozent einbetoniert. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel versucht, seine Partei mit den Stimmen der „leistungsbereiten Mitte“ aus dem Umfragetief zu befördern. Mit einem einem Kompromiss zur Braunkohle und den Rüstungsexporten, die zwischen Januar und Juni dieses Jahres stiegen – statt wie von Gabriel versprochen zu sinken, hofft er beim Mittelstand zu punkten. Und der Mittelstand scheint ebenfalls nicht abgeneigt.

Während der Wirtschaftsflügel der CDU so gut wie nicht vorhanden ist, findet die Industrie nun ein offenes Ohr bei ihrem neuen Verbündeten: der SPD. Themen wie Mindestlohn und Rente mit 63, die laut Arbeitgebern den Mittelstand zerstören, sind auf einmal „kein Problem“ mehr. Jedenfalls nicht bei Hubertus Heil und Reinhold Festge.

Heil ist bekanntlich ein Gabriel-Verbündeter und folgt dem wirtschaftsfreundlichen Kurs seines Parteivorsitzenden. Die SPD will wachstumsfreundlicher wirken. Überaus freundlich und interessiert, erkundigt sich Heil nach den Bedürfnissen der Unternehmen und gelobt Besserung. Das einzige Thema, bei dem der Schuh dann anscheinend noch immer drückt, ist und bleibt der bürokratische Aufwand. Zum Beispiel bei der Exportkontrolle für Lieferungen in den Iran. „Da macht die Politik teilweise Märkte zu“, kritisiert Festge beim Mittagessen die durch den bürokratischen Aufwand entstehenden Liefer-Wartezeiten. Heil betont die seit diesem Jahr eingeführte Bürokratiebremse und das Entbürokratisierungsgesetz, das der Wirtschaft insgesamt eine dreiviertel Milliarde Euro im Jahr an Kosten ersparen soll.

Mit der absurden Realität der EU-verordneten Regalinspektion konfrontiert, fällt allerdings auch dem SPD-Vize nichts mehr ein. Die regelmäßige Kontrolle von gewerblich genutzten Regalen sieht eine wöchentliche Sichtkontrolle und einmal im Jahr „die gründliche Inspektion durch eine fachkundige Person“ vor. Alles akribisch dokumentiert und mit einem teuren Experten versehen, versteht sich. „Das kostet uns Tausende Euro im Jahr“, sagt Festge.


Nach zwei Tagen mit Betriebsrat, Personalern, Praxiserfahrung in der Auszubildendenwerkstatt und Gesprächen mit Abteilungsleitern und Geschäftsführern hat sich Heil ein paar Themen notiert, mit denen er ein paar Sympathiepunkte für die SPD einzuheimsen hofft: Exportkontrolle, Ausbildung, digitale Bildung, Bürokratieabbau. Die Arbeiterpartei und der Mittelstand, das nächste Dreamteam? Die „Kombination von Bodenständigkeit und Weltläufigkeit“ habe ihm jedenfalls bei Haver&Boecker gut gefallen, bilanziert Heil.

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