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Formulierer schwieriger Kompromisse

Er sorgt dafür, dass die EU funktioniert: Carsten Pillath ist Generaldirektor im Europäischen Rat, in dem die Vertreter der Mitgliedsstaaten sitzen. Ein hochdotierter Topjob – mit häufigen Nachschichten. Vor allem, wenn der nächste Gipfel näher rückt.

Ohne Leute wie ihn würde ein EU-Gipfel kaum funktionieren. Wenn sich die 27 Regierungschefs in Brüssel streiten, bastelt Carsten Pillath im Hintergrund an Kompromissen. Diese Woche ist es wieder so weit. Der EU-Gipfel soll den Startschuss für die geplante europäische Finanzaufsicht geben - doch Gordon Brown blockiert. Der britische Premier hält nichts davon, neuen EU-Aufsichtsbehörden nationale Kompetenzen zu übertragen. Deshalb kommt auf Pillath nun eine Nachtschicht zu: Bis Freitag früh muss der deutsche EU-Spitzenbeamte die Abschlusserklärung des Gipfels so umschreiben, dass am Ende alle damit leben können. Ob das gelingt, kann von einem Satz abhängen, vielleicht sogar von einem einzigen Wort.

Die diffizile diplomatische Formulierungskunst der EU ist für Pillath nichts Neues. Seinen hochdotierten Brüsseler Topjob als Generaldirektor im Europäischen Rat trat der 52-jährige zwar erst Mitte vergangenen Jahres an, doch mit der „komplexen Maschine EU“ hat er sich vorher schon in Berlin beschäftigt, zuletzt als Leiter der Europaabteilung im Bundesfinanzministerium. Als Kanzlerin Angela Merkel 2005 einen wirtschaftspolitischen Berater suchte, sprach sie auch Pillath an, entschied sich dann aber für Jens Weidmann von der Deutschen Bundesbank.

In Brüssel arbeitet der promovierte Ökonom nun Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker zu, als dessen „rechte und linke Hand“, wie er sagt. Außerdem unterstützt er den halbjährlich rotierenden Vorsitzenden des EU-Finanzministerrates, ab 1. Juli also den Schweden Anders Borg. Dabei muss Pillath immer wieder nach Auswegen suchen, wenn sich die 27 EU-Staaten wieder einmal verheddert haben im Gestrüpp ihrer oft widersprüchlichen Interessen.

Viel Vermittlungsbedarf sieht Pillath zwischen Deutschland und der EU. „In Brüssel wird der Berliner Politikbetrieb nicht verstanden. Die schwache Position des Kanzleramtes in der deutschen Regierung ist nicht nachvollziehbar für Franzosen und Briten, die nur den Elysee und Downing Street kennen. Die Netzwerke der deutschen Verwaltung sind hier für viele ein Buch mit sieben Siegeln“, sagt er. Deshalb will Pillath jetzt „am Verhältnis Brüssel-Berlin arbeiten“. Denn: „Wenn man Kommunikationsdefizite beseitigen würde, ließen sich viele Missverständnisse vermeiden.“

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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