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Henryk M. Broder: Im Dienst der Provokation

Henryk M. Broder hat bisweilen Wert darauf gelegt, dass sein Mittelname "Modest" nicht von ihm selbst sondern von seinen Eltern stammt. Diesem verordneten Selbsterziehungsauftrag will der Journalist und Publizist indes nicht immer folgen. Letzte ironische Unbescheidenheit des streitsüchtigen Intellektuellen: Er will 2010 Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland werden.
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Das kommt nicht von ungefähr: Der offiziellen Vertretung von 100 000 Juden in Deutschland - die Mehrheit stammt mittlerweile aus der Ex-UdSSR - attestiert Broder nämlich "kleinkarierten Größenwahn" und die Selbstbeschränkung als "Reue-Entgegennahme-Instanz".

Broder indes, ein Zyniker vor dem Herrn, mag es lieber groß kariert, mitunter grobschlächtig. Das hat seine frühen Bücher ("Der ewige Antisemit") ausgezeichnet und bis zur Brillanz veredelt. Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung wurden dem im Sold des "Spiegel" stehenden Unruhegeist vor 63 Jahren quasi als Unruhe-Ausgleich zum pazifierenden "M" in die Wiege zu Kattowitz gelegt. Das heikle Vermächtnis nahm er 1958 mit in die Bundesrepublik, in die er mit seinen Eltern zog.



Das hatte Folgen. Der Nonkonformist und begnadete Polemiker, obendrein von einer fast entrückt zu nennenden hohen Eitelkeit gezeichnet, erprobt jetzt die "Methode Sarrazin" an jenem Zentralrat, der den Berliner Ex-Senator wegen seiner unbotmäßigen Türken- und Araberschelte in eine Ahnenreihe zu Goebbels und Hitler rückte. Anders als Sarrazin bescheidet er sich nicht mit Worttiraden. Er setzt sich gleich selber als Torpedo ein. Das kann also schön werden, sollte Broder seinen grauweißen Rauschebart regelmäßig in der Fasanenstraße, Sitz des Zentralrats, zeigen wollen.

Vermutlich hat sich der Ex-Zentralrats-Vorsitzende Heinz Galinski am Donnerstag ob der wilden Aussicht vorsorglich schon mal im Grabe umgedreht. Und der Frankfurter Publizist Micha Brumlik stöhnt zu Broder: "Er ist für den Zentralrat das, was Gabriele Pauli für die CSU war."

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