In Magdeburg machen die unorganisiert Wohlanständigen ihrem Frust und der Enttäuschung Luft
"Keiner nimmt uns die Würde“

Monika Zimmer hat sich eigens die Haare gemacht für den Protest. Schon zum zweiten Mal besucht die Magdeburgerin die „Montagsdemonstration“ gegen Hartz IV – Hand in Hand mit ihrem Mann Gerd. Und Monika Zimmer ist voller Hoffnung: „Die Regierung wird merken, dass wir uns das nicht länger gefallen lassen.“ Glaubt sie.

MAGDEBURG. Derzeit bekommt die 56-jährige dreifache Mutter Arbeitslosenhilfe. In den vergangenen zehn Jahren hat sie drei ABM-Stellen gehabt, zuletzt eine 14-monatige Weiterbildung absolviert, Bereich Marketing – erfolglos, erzählt sie, wie alle ihre 22 Mitschülerinnen. Die Stadt will sie wegen der alten Eltern aber nicht verlassen. Hartz IV macht ihr Angst: „Wenn mein Mann jetzt in Rente geht, bekomme ich gar nichts mehr – acht Jahre lang, bis ich selbst in Rente gehe.“

Monika und Gerd Zimmer sind zwei von 15 000 Bürgerinnen und Bürgern, die an diesem Montagabend in der Augustsonne durch die Magdeburger Innenstadt ziehen. Es ist der Protest der gebügelten, kurzärmligen Oberhemden, der geblümten Röcke und Blusen. Vor allem Ehepaare und Familien sind gekommen. Die 40er, 50er und 60er Jahrgänge dominieren. Auf die selbst gebastelten Plakate haben sie „Keiner nimmt uns die Würde“ geschrieben. Und gereimt: „Nieder mit den Hartz-Gesetzen – her mit neuen Arbeitsplätzen“.

Aggressiv ist die Stimmung nicht. Selbst „Wir sind das Volk“ skandieren die Protestler eher verhalten. Es herrscht nicht Wut, es herrscht Fassungslosigkeit, ungläubiges Kopfschütteln darüber, dass jetzt, nach all der Mühe und Enttäuschung, nach den vielen erfolglosen Versuchen, auch noch „bei den Ärmsten gespart wird“, sagt Helmut B., ein arbeitsloser Ingenieur aus Bernburg. Der 60-Jährige ist nicht deprimiert, eher beflügelt. Er freut sich, dass überhaupt etwas passiert, dass es „wieder losgeht“. B. hat es versucht, hat nach der Wende noch zwei Ingenieurabschlüsse gemacht, in Hessen als Betriebsleiter gearbeitet – bis der Betrieb Pleite ging. Das Arbeitsamt hatte ihm versprochen, er werde „ohne Abzüge in Rente gehen können“. Daraus wird nichts.

Seite 1:

"Keiner nimmt uns die Würde“

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%