Insolvenzen
Das Recht auf eine zweite Chance

Die Experten sind sich sicher: Die nächste Insolvenzwelle kommt bestimmt. Neue Gesetze sollen jetzt im Fall der Fälle die Eigenverantwortung der Unternehmer stärken. Ein Kommentar von Dieter Fockenbrock.
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DüsseldorfNach der Krise ist vor der Krise. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger macht sich keine Illusionen: Die nächste Insolvenzwelle kommt bestimmt. Mit Verve treibt die FDP-Politikerin deshalb Reformen voran. Zuerst mit dem völlig neuen Restrukturierungsrecht für Banken, jetzt mit dem Gesetzentwurf zur Erleichterung von Unternehmenssanierungen. Keine Themen, die in der Öffentlichkeit gegen Frauenquote oder Doktortitel bestehen könnten. Aber Reformen, die wirklich etwas bewegen.

Das gestern vom Bundeskabinett verabschiedete Insolvenzrecht ist ein entscheidender erster Schritt, Pleiten ihr hässliches Gesicht zu nehmen und Krisen auch als Chance für Unternehmer zu akzeptieren. Bis heute hält sich hartnäckig die Vorstellung, ein gescheiterter Unternehmer setze am besten den schwarzen Zylinder auf, begebe sich in den Keller und nehme sich dort das Leben. So soll es einst unter ehrbaren Kaufleuten üblich gewesen sein.

Die amerikanisch geprägte Philosophie der zweiten Chance für jedermann ist hierzulande wenig beliebt. Gut, auch per Gesetz lässt sich keine neue Kultur des Scheiterns oder besser des Neubeginns verordnen. Aber ein Gesetz kann Unternehmern Instrumente an die Hand geben, die es ihnen leichter machen, einen zweiten Start zu wagen. Das ist volkswirtschaftlich vernünftig. Mit jeder Pleite gehen Werte verloren, selbst wenn sich ein Investor für die Reste des Insolvenzkandidaten findet.

Zumal nicht jede Pleite hausgemacht ist. Das hat die Finanz- und Wirtschaftskrise bewiesen. Wenn binnen kürzester Frist bis zur Hälfte des Umsatzes wegbricht, überlebt das auch kein noch so gut geführtes Unternehmen.

Sanierungen scheitern oft daran, dass Unternehmer wie Manager sich viel zu spät den Realitäten stellen. Sie fürchten, die Kontrolle über ihre Firma zu verlieren, und zögern deshalb, Sanierungsmaßnahmen einzuleiten. Dabei müssten sie spätestens dann aktiv werden, wenn Zahlungsunfähigkeit droht, nicht, wenn sie eintritt. Dann ist meist alles verloren.

Künftig dürfen sie unter einen dreimonatigen Rettungsschirm schlüpfen, der sie vor dem Zugriff der Gläubiger schützt. In dieser Zeit sind sie verpflichtet, ein Sanierungskonzept mit Hilfe eines qualifizierten Beraters auszuarbeiten. Und den – auch das ist neu – dürfen sie sich selbst aussuchen. Selbst wenn es dann immer noch in ein Insolvenzverfahren geht: Die Unternehmen sind vorbereitet. Und die Eigentümer sind beteiligt. Diese Stärkung der Eigenverwaltung ist ein entscheidendes Element der Reform und im Krisenfall tatsächlich entscheidend für den Erfolg einer Sanierung.

Das neue Insolvenzrecht wird die Logik der Krisenbewältigung auf den Kopf stellen. Heute übernehmen Insolvenzrichter und von ihnen eingesetzte Verwalter die Regie, der Eigentümer wird kaltgestellt. In Zukunft gibt es auch die strenge Aufsicht des Staates – die Verantwortung aber bleibt beim Unternehmer.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent

Kommentare zu " Insolvenzen: Das Recht auf eine zweite Chance"

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  • Insolvenz bedeutet auch, daß Rechnungen nicht mehr bezahlt werden. Wer denkt da an die gesunden, rechtschaffenden Rechnungssteller, die dann auch Probleme bekommen? Das Finanzamt ist gnadenlos und auch die Sozialversicherungen treiben ihre Forderungen erbarmungslos ein. Nicht zuletzt wollen auch die rechschaffenden Arbeiter und Angestellten ihren Lohn. Wenn durch eine Insolvenz größere Rechnungen ausfallen, sind alle diese Zahlungen gefährdet! Deshalb: KEIN MITLEID MIT INSOLVENZSCHULDNERN! Zitat aus o.g. Bericht: "In Zukunft gibt es auch die strenge Aufsicht des Staates" Damit wandern wir wieder einmal mehr in Richtung DDR 2.0!

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